Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 27 (6.7.1881)
- Date
- 1881-07-06
- Page
- – (sequence 18)
- Language
- German
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678 richtet an den König und die Minister das Verlangen, die in Deutschland wohnenden Juden portugiesischer Abstammung zurückzuberufen. Feuilleton. Salomon Uothenberger. ii. „Wie geht's, alter Salomon," sagte der Eintretende, „was macht die Frau Perl? Beide wohl auf, wie ich sehe! Frau Perl wird alle Tage jünger und schöner!" „„Siehest Du,"" sagte Salomon schmunzelnd, „„der gnädige Herr sind ganz meiner Ansicht."" „Ader laßt Euch beim Essen nicht stören," sagte der Officier. „„Dürften wir vielleicht um die Gnade bitten,"" nahm Perl das Wort, „„daß der gnädige Herr Baron an unserem bescheidenen Abendessen Theil nehmen? Ein Stückchen Fisch, ein Gläschen Wein?"" „Man*) zu," rief der Baron, „ich nehme die Gastfreundschaft alter Freunde gern in Anspruch, und Karpfen mit der Judensauce — es gibt für mich keinen größeren Leckerbissen." Sofort wurde ein neues Couvert hereingebracht,. und der Baron ließ es sich wacker munden, namentlich sprach er dem Weine tapfer zu. „Ihr habt da einen guten Tropfen, salomon," sagte er. „Ich habe immer geglaubt, der Koscherwein sei der reinste Essig; jetzt sehe ich. daß auch eine trinkbare Flüssigkeit koscher sein kann. Woher bezieht Ihr den Wein, Salomon?" „„Directement von Marseille"", antwortete der Gefragte. „„Darf ich dem Herrn Baron einige | Flaschen in Dero Logis senden?"" „Ihr dürft, Salomon. Nachdem die Misere des Kadettenhauses vorüber ist, will ich mein Leben genießen. Ihr könnt Euch nicht denken, was ich dort ausgestanden habe, mit dem wilden Vogel da die Flügel gestutzt sind worden!" „„Nun, Herr Baron,"" sagte Salomon, „„das war gut und nothwendig, das wird Ihnen hoffentlich gut thun für das ganze Leben. Sie waren der ausgelassenste Junker, den ich je gekannt habe."" „Kinderstreiche, lustige Kinderstreiche," entschuldigte Perl. „Ach, Herr Baron, wie war doch das mit dem Friseur? Ich bitte, erzählen Sie!" „„Ja,"" entsprach der Angeredete der Aufforderung, „„das war eine luftige Geschichte. Wir wohn¬ *) Man — uovbb.’utidi; soviel wie „nur ten damals in unserem Hause in Hannover. Meine Mama wünschte, daß ich mir bie Haare schneiden lassen sollte. Meine Spielkameraden und ich hatten aber beschlossen, uns das Haar lang wachsen zu lassen. Alle Anstrengungen meiner Mutter waren vergeblich; wenn der Friseur kam, lief ich davon. Endlich glaubte meine Mama einen Ausweg gefunden zu haben. Sie begab sich selbst zu dem Hoffriseur Stör, kaufte dort Einiges, ließ sich die Rechnung geben und versprach das Geld durch mich zu schicken. Während die Rechnung quittirt werden würde, sollten mich die Gehülfen des Herrn Stör ergreifen und mir gewaltsam das Haar schneiden. Arglos nahm ich die Rechnung und das Geld. Unterwegs begegneten mir einige meiner Spielkameraden und forderten mich auf, Marrel**) mit ihnen zu spielen. Ich hatte beispielloses Glück und gewann fortwährend. Als ich aufhören wollte, um die Rechnung zu bezahlen, protestirteu die anderen Jungen dagegen. Da erbot sich einer meiner Freunde, Bruno von Bothmer, der dem Spiele zuschaute, den Gang für mich zu besorgen. Er ging auch richtig in das Geschäft des Friseurs, präsentirte die Rechnung und gab das Geld ab. Da stürzten sich die Friseurgehilfen auf den armen Jungen, packten ihn, und einer von ihnen fuhr mit der Scheere in die schönen blonden Locken. Bruno schrie wie ein Thier, das geschlachtet werden soll, zappelte mit Händen und Füßen und setzte sich mit allen seinen Kräften zur Wehre. Dadurch wurde er mehrfach von der Scheere verwundet, und sein Haarschmuck, auf den er so stolz war, erlitt arge Verwüstungen. Auch die Friseurgehülfen wurden zornig, legten ihn auf den Tisch und hieben unbarmherzig auf ihn los. Unterdeß war unser Spiel beendet, und ich ging hin, um zu sehen, wo Bruno mit der guittirten Rechnung bleibe. Da sah ich, wie mein Freund mißhandelt wurde, lief auf die Wache und rief Soldaten herbei, um den Freund von seinen Unterdrückern zu befreien. Die Geschichte machte Aufsehen, und ganz Hannover gerieth darüber in Ausregung. Sogar der Vicekönig soll davon erfahren und herzlich darüber gelacht haben."" „Hoffentlich," sagte Salomon, „wird jetzt die Zeit der Knabenstreiche bei Ihnen vorüber sein. Ihre gnädige Frau Mutter ist jung in's Grab gesunken, und Ihres alten Vaters und Ihres noch älteren Oheims einzige Hoffnung sind Sie, junger Herr. Machen Sie ihnen Freude; die alten Herren verdienen es." „„Ja, ja," entgegnete der junge Officier, „„das will ich auch; aber später. Für's Erste muß ich mich von den Strapazen des Kadettenhauses erholen **) Jtlcine virctnf'ugeln; in Süddcmschland nennt man sie Blicker.