Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 24 (13.6.1881)
- Date
- 1881-06-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
- Belongs to
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588 Feuilleton. Pie Jugendfreunde. Von A. Königshofen. XXII. Der Angeredete wollte sich nicht gleich gefangen geben; er führe gar nicht den Namen, mit dem er angesprochen worden sei, es müsse also eine Verwechslung vorliegen. Der Vorsitzende, aus Furcht, die Affaire könnte die ganze Sitzung stören und unsichere Gerüchte könnten in die Versammlung dringen, die wohl eine Unterbrechung merkte, aber den Hergang bisher nicht wahrnehmen konnte, bat, die Herren möchten sich in's Nebenzimmer begeben, um die Angelegenheit dort aufzuklären. Der Vorsitzende, der mit dorthin gegangen war, deponirte, daß der betreffende Herr ihm als ehrenwerth und nur unter dem Namen Söhler bekannt sei, und auf diese Aussage sich stützend, blieb Rothkopf, der es in Wirklichkeit war, bei der Behauptung, daß er Söhler heiße und sich keines Unrechts bewußt sei, um deffentwillen man ihn anfechten könnte. — Als wäre aber alles Leben aus ihm gewichen, blieb er starr dastehen, als der Herr, auf dessen Geheiß, wie wir wissen, der Schutzmann jenen als verhaftet erklärt hatte, mit einem Polizeicommiffär in das Zimmer trat. War nicht jener von ihm selbst auf dem Felde bei Orleans niedergeschlagen worden? War jener von den Tobten erstanden, um wider ihn zu zeugen? — Aber diese Stimmung hielt nur einen Augenblick an, der Schreck ging weiter — leugnen mußte er, leugnen — galt nicht sein Nein so diel wie dessen Ja? Und er blieb allem Forschen gegenüber bei der Behauptung, er wisse nichts von einem Rothkopf, er heiße Söhler und könne keine weitere Auskunft geben. „Herr Eommiffär!" begann der fremde Herr, „ich stehe mit meiner Person dafür und lasse mich, wenn Sie wollen, mit jenem Menschen verhaften, daß er Rothkopf heißt. Vor circa 15 Jahren hielt er sich hier in Berlin unter dem Namen eines Grafen v.Roterskoff aus, dann machte er wieder unter falschem Namen Thüringen unsicher, endlich vagabundirte er während des Krieges in Frankreich, wo er die Schlachtfelder ausplünderte und deutsche Soldaten meuchlings niederstieß." „Roterskoff, sagten Sie, das läßt sich ja herausbekommen! Wollen Sie mir mit dem Beschuldigten auf das Revier folgen? Doch wollen Sie mir gefälligst Ihren Namen nennen?" Der Herr überreichte ihm seine Karte, mit Erstaunen las der Polizeicommiffär: „Minister Arno v. Hauenstein". „Excellenz, Ihr Name bürgt, Sie können über sich und Ihre Zeit verfügen!" bemerkte der Commiffär mit tiefer Verbeugung. Während diese Verhandlungen im Nebenzimmer gepflogen wurden, war es die Aufgabe des stellvertretenden Vorsitzenden, im Saale die Menge, welche eine Unterbrechung nierkte, zu beruhigen und aufzuklären. Er hielt es für das Beste, die Wahrheir theilweise einzugestehen. Es müsse da ein unliebsames Mißverständniß die Polizei veranlaßt haben, Herrn Söhler in seiner Rede zu unterbrechen , er werde in einer Sache als Zeuge vernommen, über welche er im Stande sein soll auszusagen, von der er aber nichts zu wissen behaupte. Jedenfalls liege einen Personenvcrwechslung vor, denn Herr Söhler, das eifrige Mitglied des christlich-socialen Vereins, sei ein Mann, auf dessen Wort man sich voll und ganz verlassen könne. Er glaube, daß die Juden hier ihre Hand im Spiele hätten, die alles Mögliche aufböten, den Christlich - Socialen Hindernisse in den Weg zu legen. „Nieder mit den Juden!'' schrie es aus einigen Kehlen, deren Töne verriethen, daß sie für die Befriedigung ihres Durstes schon viel geleistet hatten. Die Discussion wollte aber nicht in rechten Fluß mehr kommen und die Versammlung wurde geschloffen. — Die Untersuchung gegen den von Arno der Gerechtigkeit überlieferten Sünder brachte ganz überraschende Resultate zu Tage. Namentlich warf sic auf die neue Bewegung gegen die Juden merkwürdige Schlaglichter. 'Der Judenhaß war ihm ein Geleitsbrief in Kreise hinein, in welche man sonst nicht so leicht Einen passiven läßt, ohne daß man sich vorher über seine Vergangenheit bis in die kleinsten Details hinein vergewissert hätte. Seine Existenz hatte er von Geldern gefristet, die aus den mühsam gesparten Pfennigen armer Handwerker zusammengescharrt waren, welche man für die Bewegung unter Vorspiegelung goldener Berge zu gewinnen gewußt hatte. Man wollte, so gab man vor, das Capital vor den Juden retten und selbst Sparkassen und Sparbanken gründen, deren Beiträge man durch Rothkopf einkassiren ließ. Einige Tage nach der Gefangennehmung dieses Schurken war auch der frühere Schneidergeselle, der getaufte Girnmann, ein höchst eifriger Agitator der Christlich-Socialen, verschwunden, wohl fürchtend, daß Rothkopf durch Aussagen über ihn, ihn mit in seine Angelegenheiten verwickeln würde, und er hatte nicht Unrecht. Die Aussagen, die Rothkopf über ihn machte, waren compromittirend, er hatte mit ihm in Gemeinschaft das