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Der Israelit · 1881-06-01 · Heft 22 (1.6.1881) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 22 (1.6.1881)
Date
1881-06-01
Page
– (sequence 12)
Language
German
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532 -es Vaters der Tochter nicht lange verborgen blieb, dafür sorgten die Frauen des Reicherssohn'schen Hauses. Mit welcher Ungeduld erwartete Heinrich das Ende der vier Wochen; aber er sollte noch länger sich gedulden lernen. Schon in der ersten Woche, nachdem Reicherssohn mit seiner Famiiie abgereist waren, begann der politische Horizont sich zu umwölken, in der zweiten war die französische Kriegserklärung schon nach Berlin abgegangen. Die Bäder entleerten sich zwar, aber Heinrich konnte die Ankunft des Onkels nicht abwarten, er hatte es für seine Pflicht gehalten, seine Dienste dem Laterlande gleich zur Verfügung zu flellen und er war bereits zum Sanitätscorps nachCoblenz abcommandirt, als seine Verwandten in Berlin eintrafen.- Nun war endlich die Zeit der Prüfung überstanden; Heinrich kehrte mit dem Ehrenzeichen geschmückt nach Berlin zurück; seine Werbung war schnell vorgebracht und schnell angenommen, er durfte Emilie seine Braut nennen. Auch Arno war nach Berlin gekounuen, um im Hause des alten Herrn von Botho das Verlobungsfest mit Hulda zu feiern; in allen Kreisen sprach man von dem armen adligen Fräulein, dem sich eine glänzende Zukunft eröffncte, denn Arno war mittlerweile auf der Leiter des höheren Beamtenwesens eine Sprosse höher gestiegen: er war trotz seiner Jugend zum Ministerialrath ernannt worden. Nur über eines zuckte man in hocharistokratischen Kreisen die Achsel und rümpfte die Nase, daß Arno wie auch seine Braut so intimen Umgang mit dem jüdischen Doctor und dessen Braut pflegten. Arno machte sich aus solchem Gerede nichts und ignorirte es daher geflissentlich, bis er sich zu einer derben Antwort genöthigt sah, mit welcher er einen vorwitzigen Aufdringling abfertigte. Es war dies ein noch junger Prediger, der auf einer Soirde mit Arno ein Gespräch anknüpfte, in salbungsvollem Tone über den Beruf des Christenthums sich erging und so nach und nach auf das Judenthum zu sprechen kam, das er als den „natürlichen Feind" des Christenthums. darstellte, so daß sich alle diejenigen am Christenthum versündigten, welche gesellschaftlich die Juden mit den Christen gleichstelleu wollten, sich aber auch an den Christen und Deutschen versündigten, wenn sie die „Eindringlinge", welche die Christen aus allen Stellungen zu verdrängen suchten, eine gefährliche nicht leicht zu bestehende Concurrenz eröffneten, Reichthümer sich häuften, ja sogar zu Gesetzgebern in einem christlichen Lande sich aufwürfen u. s. w., nicht in die ihnen gebührenden Schranken zurückwiesen. Arno suchte die Vorwürfe, wenn es überhaupt solche waren, zu widerlegen. Die Stellung, die die Juden einnähmen, gereiche ihnen nicht zum Vorwurf, man müsse sie vielmehr deßhalb oewundern. Sie seien nüchtern, ausdauernd, unternehmend, fleißig, darum hätten alle Verfolgungen sie nicht beugen können, und eine kurze Zeit der Freiheit habe genügt, alle ihre guten Anlagen sich schön entwickeln zu lassen. Sie hätten auch Fehler, aber theils seien diese anerzogen und angewöhnt durch langjährigen unmenschlichen Druck, den sie solange von Seiten der Christen erduldet, theils seien es solche, die sie nicht als Juden, sondern als Menschen haben, wie sie die Christen auch in nicht geringerem Maße besäßen. Erkläre man ihre Concurrenz für gefährlich, so wäre das ein Armuthszeugniß, das sich die Christen ausstellsen, sie sollten die Concurrenz mit ihm aufnehmen, und ihre Kräfte anspornen, das könnte nur zum Guten ausschlagen. Er begreife nicht, wieso man die Juden als Fremdlinge bezeichnen könne, das seien sie durchaus nicht; sie seien loyale Staatsbürger, die ihre Pflicht gegen das Vaterland ganz und voll erfüllten und Gut und Blut für dasselbe opferten. Er selbst habe im jüngsten Kriege gesehen, wie muthig und freudig die jüdischen Soldaten gekämpft hätten; er kenne einen jüdischen Arzt, der mit Todesverachtung an die gefährlichsten Plätze sich gewagt um den armen Vewundeten zu helfen und habe nicht gefragt, ob es Jude oder Christ sei für den er sein Leben in die Schanze schlüge. „Ja, ja/' entgegnete jener heuchlerisch, „eben fällt mir bei, daß Sie ja mit einem Juden auf so vertrautem Fuße stehen; entschuldigen Sie, ich dachte nicht daran, obgleich man viel davon spricht." Das war Arno doch zuviel, jetzt erst sah er ein, wohinaus der junge Geistliche zielte, und er sagte erregt: „Für Ihren freundlichen Wink danke ich, aber suchen Sie sich für Ihre judengehässige Gesinnung ein aufmerksameres und dankbareres Publikum als ich es bin; was man über mich spricht, nehme ich mir nicht so sehr zu Herzen, Sie brauchend daher auch nicht zu thun. Was man einmal über Sie sprechen wird, wird nicht so ganz gleichgültig sein!" Sprach's, drehte sich um und ließ den verblüfften Prediger stehen. Und es kam eine Zeit, in welcher jener Mann viel sprach und man viel über ihn sprach; der Mann wurde später Hofprediger. Kommende trübe Ereignisse warfen ihre Schatten voraus.

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