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Der Israelit · 1881-03-30 · Heft 13 (30.3.1881) · page 14

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 13 (30.3.1881)
Date
1881-03-30
Page
– (sequence 14)
Language
German
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314 Lieber Freund! Du hast gewiß schon lange einen Brief von mir erwartet, aber die Aufregungen, die ich durchgemacht, ließen mich nicht dazu kommen, meine Gedanken zu sammeln, um mich mit Dir. so sehr ich cs auch gewünscht, schriftlich unterhalten zu können. Die Zeit meines Urlaubs ist abgelaufen, und so bin ich wieder hier in Madrid und hoffe, in einer fleißigen und geregelten Thätigkeit all den Jammer m vergessen, den ich während der vier Wochen in oer Heimath erlebt habe. Ich kehre einerseits mit Befriedigung in meine gewohnte Thätigkeit zurück, denn es ist mir gelungen, meine Schwester, die so schmählich betrogen und hintergangen worden ist, zu beruhigen und ihren Namen vor öffentlicher Meinung, was sie und meine Mutter bloßgestellt hatte, zu schützen; andererseits aber ist mir ein altes Weh im Herzen erweckt worden, das seinen Stachel mich nur zu schinerzhaft fühlen läßt, da ich mich anklagen muß, ein unschuldsvolles Gemüth grundlos verletzt zu haben. Doch laß mich Alles der Reihe nach erzählen. Nachdem ich meiner Mutter unumwunden die volle Wahrheit erzählt und sie zu ihreni Schrecken in den Abgrund schauen ließ, in den sie fast gestürzt wäre, nahm ich meine Schwester vor, ihr den Schurken zu entlarven, der sie als Spielball seiner Laune betrachtet hatte. Es war eine heftige Scene, die sich da abspielte; sie war in ihrer Unschuld noch immer der Meinung, daß die Krankheit des Vaters oder irgend eine Jntrigue der Familie ihn am schreiben gehindert habe, sie konnte und wollte es immer nicht glauben, daß mit ihr ein Verbrecher sein schnödes Spiel getrieben habe. Endlich kam sie denn zur Besinnung, überzeugt wurde sie, als ich ihr den Ring abforderte, um diesen dem Gerichte zu überliefern. Welcher Schreck mich überfiel, als ich jenen Ring in meine Hand nahm, kann ich Dir nicht sagen; ich mußte alle meine Kraft zusammennehmen, um nicht umzusinken: ich erkannte den Ring, er rührte von mir selbst her, und er rief in mir ein Unrecht, das ich — obwohl im guten Glauben — beging. Dir, lieber Freund, will ich Alles erzählen, es wird mir leichter werden, und vielleicht läßt das Geschehene sich wieder gnt machen. Als wir noch zusammen auf der Universität** waren, kam ich zuweilen in das Haus eines dort wohnenden entfernten Anverwandten, dieser hatte eine Waise zu sich ins Haus genommen, die ebenfalls mit uns Beiden verwandt war, ihre Mutter war die Cousine meines Vaters. Die Verwandtschaft machte uns zutraulicher, ihr sanftes und bescheidenes Wesen zog mich zur ihr hin. Einmal war in der Gesellschaft Pfänderspiel beliebt, ich hatte ein Pfand zu geben, zog einen Brillantring vom Finger und steckte ihn an ihren Finger. Nach dem Spiel wollte sie ihn mir wiedergeben. „Behalt' ihn, Cousinchen, von mir zum Andenken," sagte ich, sie sträubte sich, behielt ihn aber dennoch. Waren es mehr als verwandtschaftliche Gefühle, mit dem ich ihr den Ring gab, mehr als verwandtschaftliche, mit welchen sie ihn entgegennahm? Nach 14 Tagen sprach ich sie wieder; sie hatte den Ring nicht am Finger; ich fragte sie nach dem Grunde, sie crröthcte, ward verlegen. In mir stieg ein Gefühl wie Eifersucht oder verschmähte Liebe ans, ich drang in sie, mir den Grund zu sagen. Nach langem Zögern erzählte sie dann, sie wäre beim Regierungspräsidenten zum Balle gewesen, dort müsse sie mit dem Ausziehen des Handschuhs den Ring vom Finger gestreift haben, denn wie ihr ihre Freundin, die Tochter, erzählt, habe diese ihn nach dem Schluß des Festes gefunden und zu ihren Schmncksachen gelegt, um ihr'denselben andern Tages zu schicken. In der Nacht sei aber jener Brillantdiebstahl im Hause des Präsidenten, wovon damals so viel in ** gesprochen wurde, verübt worden und mit dem Uebrigen sei auch der Ring sortgekommen. Einen Ersatz, den ihr ihre Freundin angeboten, habe sie nicht angenommen. Mir kam dieses wie eine Ausflucht vor, die sich den gerade stattgesundenen Diebstahl zu Nutze machte, ich verhehlte meinen Zweifel und meinen Zorn nicht, Hulda weint im Bewußtsein ihrer Unschuld, ich lasse ein Wort, noch heute verwünsche ich es, wie Unwahrheit fallen, da weint sie nicht mehr, sie sieht mich mit stolzem Blicke an und läßt mich allein im Zimmer. Seitdem habe ich sie nicht wieder gesehen. Sie verließ ** und soll jetzt bei einem Onkel iu Berlin sein. Das war bisher mein Geheimniß. Nun bekomme ich den Ring wieder in meine Hand; Hulda v. Botho, meine arme Cousine, steht rein da, sie hatte die lautere Wahrheit gesagt, ich habe sie verdächtigt und gekränkt, wie kann ich das Unrecht wieder gut machen? Das ist's, was mich belastet. Freund, wenn Du hier einen Rath wüßtest- Nun, ich habe mein Herz erleichtert. Lebe wohl und saß bald etwas von Dir hören Deinem Arno. Bewegt legte Heinrich den Brief bei Seite; wie glücklich wollte er sich preisen, wenn er seinem Freunde helfen, ihn von den Selbstvorwürfen befreien könnte. Da brachte die nächste Woche den Brief Sombergs. Hulda v. Botho war eine Freundin der ihm theuren Emilie, Somberg war ein zuverlässiger Freund, sollte es ihm da nicht möglich sein, dem Freunde eine Hilfe zu bringen, an welcher dieser so zu verzweifeln schien? (Fortsetzung folgt.)

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