Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 13 (30.3.1881)
- Date
- 1881-03-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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302 Welches sind die Höhen der Erde, die wahrhaften Höhen? Nicht Ehre, Macht, Reichthum, Ruhm sind die Höhen der Erde. Sie alle sind gering, klein und unbedeutend. Ohnmächtig ist auch der Mächtigste, allen Zufällen, Leiden und Kümmernissen ausgesetzt; arm ist manchmal der Reichste, der sich für alle seine Schätze weder Gesundheit, noch Gemüthsruhe, noch Zufriedenheit erkaufen kann. Es täuscht sich, wer die Höhen der Erde in dem Ruhme sucht. Der Höchste ist Gott, und nur das Emporstreben zu Gott führt auf die Höhen der Erde. Nur wenn man Welt, Menschen und Menfchenberuf vom einzig wahren Gesichtspunkte aus betrachtet, wenn man das wirklich Werthvolle werthschätzt und sich gewöhnt, das Verächtliche mit Verachtung anzuschauen, dann läßt man das Niedrige tief unten und steigt empor zu den Höhen der Erde. Wie ein König denjenigen hoch erhebt, den er seiner Freundschaft und seines vertrauten Ilmgangs würdigt, so hat uns der Schöpfer des Weltalls zu sich emporgehoben, indem Er uns beit Sabbat verliehen, den Ihm geweihten Tag, welcher ist vvw ryo «an, gleichsam ein Vorgeschmack der ewigen Seligkeit. Unsre ganze Beschäftigung bestehe an diesen: Tage in der Pflege des Körpers, des Geistes und in der Erhebung zu Gott. An den Sabbaten des Jahres gelangt die ganze Thora zur Verlesung und ein großer Theil der Propheten. Durch Vorträge und Predigten sollen die schriftliche und mündliche Lehre dem Volke ktm Verständnisse geführt werden: in Vereinen soll oas Gesetz unsres Gottes stndirt und die richtige Beobachtung desselben erkannt werden; an die Vorlesung des Thoraabschnittes knüpfe sich das Privatstudium zum Verständnisse des hebräischen Wortes, derUebersetznngen oder der Commentare (omn inai *npo o^sy) spy’ n'pm Trv?3xrr, dann wird Er dich genießen lassen das Erbtheil deines Vaters Jakob. — Warum gerade Jakobs Erbtheil? — Als unser Vater Jakob vor seinem Bruder Esaw floh und auf dem Berge Morijah übernachtete, als er im Traume die Leiter erblickte, die auf die Erde gestellt bis in den Himmel ragte, und siehe, Gott stand auf ihr — da verhieß ihm Gott: Und es wird fein dein Same wie der Staub der Erde, und du wirst dich ausbreiten nach Westen und Osten und Norden und Süden, und es werden gesegnet werden durch dich alle Geschlechter des Erdbodens und durch deine Nachkommen. — Es ist ein Erbtheil ohne Grenzen, welches Gott dem Jakob verheißen hat, eine segensvolle, unendliche Ausbreitung nach allen vier Himmelsgegenden. Und ein solches Erbtheil ohne Grenzen verheißt Gott durch feinen Propheten Jesaias demjenigen, welcher den Sabbat feiert, ehrt und heiligt. Warum hat Gott für die Sabbatfeier unendlichen Lohn bestimmt? Wie überall in der göttlichen Weltlenkung herrscht auch hier der Grundsatz m'o rrpo na», Maaß für Maaß. Wir wollen das an einem Beispiele auseinandersetzen. Da ist ein junger Geschäftsmann, der schwer zu ringen hat, um für sich und die Seinen den Lebensunterhalt zu erwerben. Ihn besuchte am Sabbat ein nichtjüdischer Geschäftsfreund und will mit ihm unter günstigen Voraussetzungen einen Handel abschließen. Unser Glaubensgenosse weigert sich standhaft, am Sabbat darauf einzugehen. Da aber die Sache pressirt, so ist der Nichtjnde gezwungen, sich an einen Andern zu wenden. Glücklich hat unser Freund die Vesnchung überstanden; allein seine Phantasie beschäftigt sich noch mit dem, was er soeben abgelehnt hat; er berechnet in seinen Gedanken, daß er dabei wohl hundert Thaler hätte gewinnen können, für seine Verhältnisse eine große Summe. Und diese hundert Thaler? Sie wären ein Anlagekapital geworden für neue Geschäfte und wären in kurzer Zeit vielleicht zu einer Summe von tausend Thalern angewachsen; durch Fleiß, Sparsamkeit und geschickte Operationen wären aus den tausend zehntausend geworden, und. wenn man einmal eine solche Summe zur freien Disposition hat, dann sind die ctecndnö, „die Hunderttausend" nicht mehr weit. So schweift die Phantasie bis in's Unendliche und vergrößert das der Sabbatruhe gebrachte Opfer tausendfach; freilich liegt die Wirklichkeit fern ab von diesen Phantasiegebilden; aber der allgütige Gott gewährt dennoch den Lohn, wie wenn sie der Wirklichkeit entsprechen würden, onsro n^ru, ein Erbtheil ohne Grenzen. (Fortsetzung folgt.) Zeitungsnachrichten und Correspondenzen. Deutschland. Mainz, den 25. März. Unser Glaubensgenosse, Herr Hermann Rein ach von hier, hat seit zwölf Jahren das Amt eines Bürgermeisterei-Adjunkten verwaltet. Als im December v. I. seine sechsjährige Amtsperiode zum zweiten Male zu Ende ging, wurde Herr Reinach in Folge von Parteiverhältnissen nicht wieder gewählt. Bei der allgemeinen Achtung jedoch, die sich Herr R. während seiner langjährigen Amtsthätigkeit erworben, vermißte man ihn ungern in unserer Stadtverwaltung. In Folge dessen beschloß die Stadtverordnetenversammlung die Stelle eines dritten Adjunkten zu cre'iren, welcher Beschluß die Bestätigung der Regierung erhielt. Am 23. d. M. wurde Herrn Reinach dieses Amt durch fast einstimmige Wähl übertragen. Man ersieht aus diesem Vorgänge, daß die antisemitische Bewegung an unserer Stadt spurlos vorüber gegangen ist. Auch hat die