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Der Israelit · 1881-03-23 · Heft 12 (23.3.1881) · page 12

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 12 (23.3.1881)
Date
1881-03-23
Page
– (sequence 12)
Language
German
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288 hin sich zu begeben war, ein Trost. Hier fand er einen Ausweg, seine Kräfte wieder zu sammeln, neue Schaffenslust sich wieder zu erwerben. Die Fremde sollte ihn den Schmerz mildern, und darum erbot er sich, den Verwandten nach dem „Lande des Weines und der Gesänge" zu begleiten, um in einem neuen Kreise ein neues Leben zu beginnen. Der Verwandte ging gern auf seine Pläne ein, und so wurde Arno in die diplomatische Laufbahn eingesührt. Bei seinen? Wissen und seinem Eifer fand sich auch bald reichliche Arbeit für ihn, man wurde auf den jungen Mann aufmerksam, und es eröffnete sich ihm eine ehrenvolle und glänzende Zukunft. Der Brief Kohns riß ihn aus allen Himmeln. Der Schmerz seiner Mutter und Schwester ging ihm tief zu Herze??, und wenn es ihm der Freund auch nicht geschrieben hätte, so wäre er doch gleich zu ihnen geeilt, um die Gebeugten an seiner Kraft und seinem Muthe aufzurichten. Arno entsetzte sich immer mehr und mehr über den Leichtsinn seiner Mutter, die, bestochen von einem adligen Namen, unter ihren Augen ein Verhältniß aufkeimen ließ, ja geradezu begünstigte, das seiner Familie den größten Schimpf und die größte Entehrung hätte bringen können: jemehr Kohn ihm ausführlicher, als er es brieflich gekonnt, die Einzelheiten der von ihni unfreiwillig belauschten Erzählung und die Persönlichkeit des Schwindlers schilderte. Auf eine Entdeckung war nicht so leicht zu hoffen, aber beide Freunde beruhigten sich mit dem Gedanken, daß auf ihren Reisen der glückliche Zufall ihnen doch vielleicht den Verbrecher in die Arme führen würde. Arno mußte jetzt daran denken, zu seiner Mutter zu eilen, um hier mit Rath und That helfend zur Seite zu stehen. Unterdeß hatten die Frau v. Hohenstein und ihre Tochter Stunden der Unruhe und des Schmerzes erlebt, obzwar sie selbst die eigentliche Bedeutung ihres Unglücks noch nicht kannten. Nachdem der Betrüger das kleine Dörfchen im Thüringischen verlassen und nach 14 Tagen immer kein Brief die Frauen über das Befinden des Schwiegersohnes, resp. Bräutigams in sp6 beruhigt hattte, wagte es Amanda, die auf Anrathen ihrer Mutter keinen Namen unter den Brief setzte — war ja das Verlöbniß noch nicht ausgesprochen einige Zeilen an die ihr angegebene Adresse zu senden, in denen sie sich ängstlich nach dem Befinden des theuren Vaters ihres Anbeters erkundigte. Natürlich erfolgte keine Antwort. Die Frauen dachten sich das Schlimmste, d. h. in Betreff des kranken Vaters; an einen Be. trug zu denken, fiel ihnen nicht im Entferntesten ein. Als Die Frauen wieder in ihre Heimath zurückgekehrt waren und Amanda wiederum einen Brief voller Besorgniß an ihren „Hugo" richtete, der wieder unbeantwortet blieb, faßte Frau v. Hohenstein, die den Schmerz ihrer Tochter nicht ertragen konnte, sich ein. Herz und richtete an den Vater des jungen Mannes unter ihrem Namen ein Schreiben, in dem sie sich angelegentlich nach dessen Befinden erkundigte, die Beziehungen seines Sohnes zu ihrer Tochter als selbstverständlich voraussetzte, und die Hoffnung aussprach, der Kranke werde gewiß lbald wieder hergestellt sein, und daß alsdann wohl das Verlöbniß der jungen Leute stattfinden könnte. Jetzt kam wieder Brief zurück, aber nicht eine Antwort, sondern der amtlich eröffnete und wieder geschlossene Brief der Frau v. Hohenstein selbst, dessen Adresse das mit Blaustift geschriebene „Unbestellbar" trug. Das war ein Schlag für die armen Frauen; was konnte das bedeuten? An einen Betrug seitens des jungen Mannes wollten sie nockimmer nicht glauben. War es eine von der Familie in Scene gesetzte Jntrigue? Sie riethen noch darüber hin und her, als die Hausthür ging und gleiüdarauf Arno in's Zimmer trat. Der freudige Schrecken und die Überraschung, die der unerwartete Besuch bereitete, ließen für einige Augenblicke den Schmerz über den zurückgekommenen Brief in den Hintergrund treten. Aber auf Arno's Gesicht leuchtete nicht die Freude des Wiederkehrens in den heimathlichen Kreis, es ließ sich bei ihm ein Zug von Schmerz nicht verkennen. Die Mutter sollrc bald über den Grund aufgeklärt sein. So merkwürdig es auch der Schwester erscheinen mochte, bestand Arno doch auf seiner Bitte, ihn einige Augenblicke allein mit der Mutter zu lassen. Er hatte ihr bald Alles erzählt, sie konnte vor Scham und Leid die Augen nicht aufschlagen. sie konnte nur schluchze;:, sie, die Mutter, stand vor ihrem Sohne wie die Verbrecherin vor ihrem Richter. „Und weißt Du," schloß der Sohn, „wem ick diese Enthüllungen verdanke und noch zeitig dadurch vielleicht verhütet, daß die Sache nur unter uns bleibt und nicht weltbekannt wird? Meinem guten und braven Freunde Kohn!" „Diesem Juden?" „Mutter, auch in Deinem größten Schinerze bleibst Du ungerecht und kannst ein liebloses Vorurtheil nicht ablegen. Du weißt nicht, wie Du mich damit betrübst." „Sprechen wir nicht weiter davon! Was sangen wir aber mit Amanda an?" „Laß mich sorgen; vielleicht ist ihr diese Prüfung eine gute Lehre/' Arno machte seine Schwester bald mit den: ganzen Sachverhalt bekannt; sie hörte ihm schluchzend zu, er verstand es jedoch sie zu beruhigen, da sic höchstens leichtgläubig, aber nicht unehrenhaft gehangelt habe. Den Ring aber dürfe sie nicht behalten.

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