Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 11 (16.3.1881)
- Date
- 1881-03-16
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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254 Fürsten Kaunitz, hem Reichskanzler der Kaiserin Maria Theresia, in einer die Juden Prags betreffenden Angelegenheit zu verwenden. Nachdem er lange mit dem Fürsten verhandelt hatte, sagte dieser: „Ich möchte mir, Herr Rabbiner, von Ihnen eine Auskunft erbitten; da habe ich ein Buch gelesen, in welchem die Anmaßung der Rabbinen des Talmuds mit Recht auf das Schärfste gegeißelt wird. Es soll nämlich im Talmud zu lesen stehen, daß die Rabbinen Jeden mit dem Tode bedrohen, welcher eine ihrer Einrichtungen oder Verbote Übertritt. Das überschreitet doch alles Maas;. Selbst das Gesetz Mosis bedroht doch nicht jede Uebertrctung mit dem Tode. Sagen Sie mir, Herr Rabbiner, ob wirklich etwas Derartiges im Talmud zu lesen ist." „In der That, Durchlaucht," antwortete Rabbi Jonathan, „es heißt im Talmud Traktat Berachoth f. 4 b.: Jeder, der die Worte der Weisen Übertritt, ist des Todes schuldig. Aber es ist dies keine Anmaßung. Gestatten Sie mir, das an einem Beispiele deutlich zu machen. Eure Durchlaucht sind der Beherrscher des ganzen großen Kaiserreichs. Ihre Majestät, die Kaiserin, thut und verordnet nichts ohne den bewährten Rath und die Zustimmung des Fürsten Kaunitz. Gesetzt nun, ich hätte die Frechheit, hier in Eurer Durchlaucht Gemach dem mächtigen Beherrscher meines Vaterlands ungehorsam zu sein und Eure Durchlaucht ließen sich vom Zorne Hinreißen, mir den prächtigen, venetianischen Dolch, der dort auf dem Tische liegt, in die Brust zu stoßen und mich zu tödten. Was wäre wohl der Erfolg dieser vorschnellen That? Eure Durchlaucht würden sich darob zu verantworten haben und sich große Unannehmlichkeiten zuziehen. Gesetzt aber. Eure Durchlaucht entlassen mich, wie ich es hoffe, in Gnaden. Vor dem Palaste steht eine Schildwache. Diese hat Ordre, Jeden, der den Palast verläßt, anzuhalten; ich aber verweigere der Schildwache den Gehorsam und laufe davon. Vergebens gebietet der Soldat mir Halt, und nachdem er dreimal seinen Ruf wiederholt hat, schießt er mich nieder. Der einfache Soldat wird für diese That nicht allein nicht bestraft, er wird noch dafür belohnt werden. Ist es nicht sonderbar, daß ein einfacher Soldat, vielleicht ein kroatischer Bauernsohn, ein Recht haben soll, welches dem Fürsten Reichskanzler versagt ist? Und dock ist diese Einrichtung eine wohlbegründete. Eurer Durchlaucht stehen Mittel und Wege genug zu Gebote Ihren Befehlen Gehorsam zu verschaffen. Jener Soldat aber, der doch auch die geheilgte Person der Monarchin vertritt, würde von aller Welt verhöhnt und verspottet werden, wenn es ihm nicht gestattet wäre, von seiner Waffe Gebrauch zu machen. — Durchlaucht, die Verordnungen und Verbote der Rabbinen sind die Vorposten der heiligen Gotteslehre; sie sind die Schildwachen, ausgestellt, um den Palast der Gotteslehre zu schützen; wer sich an ihnen vergreift, ist des Todes schuldig." Wir brauchen wohl kaum hinzuzufügen, daß Fürst Kaunitz von dieser Erklärung des Rabbinen > im hohen Grade befriedigt wurde, ihm seine Bitte! gewährte und ihn in Gnaden entließ.! Vor einem halben Jahrhundert etwa hat man > angefangen, die Vorposten der heiligen Gotteslehre j niederzuwerfen, sich über Dieses und Jenes hinwcg-! zusetzen, sich aus Diesem und Jenem nichts mehr zu! machen — es waren ja nur rabbinische Einrichtungen > und Umgränzungen l Welche Verwüstungen sind aber; seitdem im Palaste der Gotteslehre vorgenommen I worden! Die heiligsten und wichtigsten Gebote und j Verbote unsres Gottes werden von so vielen unsrer! Brüder und Schwestern ohne Scheu übertreten, ja,! sind vergessen, und selbst das Bewußtsein der Sünde j ist aus den Herzen geschwunden! Deßhalb müssen wir ganz und voll zu unserm Gotte zurückkehren und auch die rabbiuischen Einrichtungen und Umzäumungen so beobachten, wie sie! vorgeschrieben sind. Sie sind es, die das Judenthum erhalten haben, während der vielen Jahrhunderte! der Verbannung und Zerstreuung.! (Fortsetzung folgt.)! Zur Aabhinerbildungsfrage. Aus Bauern. Mit inniger Befriedigung habe ich wahrgenommen, daß meine Anregung in Sir. 5 dieser geschätzten Blätter — in Betreff der Gründung von Rabbiner-Vorbereitungsschulen —vielseitig freundliche Beachtung, und schon theilweise öffentliche Besprechnng gefunden. Wie könnte dies aber auch bei einer so hochwichtigen, das innerste Wesen unsere hl. mm betreffenden Frage anders erwartet werden? Handelt es sich ja um nichts Geringeres, als den: schrecklichsten der Uebcl vorzubeugen, mitzuwirken i'n xs'iccr’D mn mns^n Wenn nun gleichwohl darüber nur eine Stimme herrschen dürfte, daß Abhilfe nothwendig, so möchte ich dennoch nicht zu bemerken unterlassen, daß es sich nicht ausschließlich um die Vorbildung zum Rabbinatsfache handelt, sondern auch darum, daß Gelegenheit geschasien werden solle, onoi" beranzubilden, die auch nicht gerade Rabbiner sein müssen. Auch solche können dem unverfälschten Judenthum große Dienste leisten, gerade deßhalb, weil leider, wie Ihr Frankfurter Herr j Correspondent in Nr. 8. d. Bl. sich ausdrückt, die j Zahl der Städte, die einen frommen Rabbiner suchen,; eine so geringe ist. Wir nehmen an, daß in einer