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Der Israelit · 1881-03-09 · Heft 10 (9.3.1881) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 10 (9.3.1881)
Date
1881-03-09
Page
– (sequence 19)
Language
German
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24: hatte aber von dem Fanatismus, der fick so oft bei dieser Richtung findet, nichts an sich. Für den Talmud, den er in seiner Jugend studirt, hatte er eine große Verehrung, ihm schrieb er den günstigsten Einfluß auf seine moralische und streng rechtliche Denkweise zu. Er war nach asten Seiten hin wohlthätig, und seine größte Freude war es, am Vormittage recht viele Arme bei sich zu sehen, zu denen dann die der polnischen Nationalität das größte Kontingent stellten. Eine Unterhaltung mit diesem vielseitig gebildeten Manne war zugleich interessant und belehrend. Die Vertreter snmmtlicher Richtungen waren alsdann wieder beisammen, als Samberg mit seinem Begleiter an deil Tisch trat, dener den Herren vorstellte. Man war in einem sehr ernsten Gespräche begriffen. In Stuttgart war die neue Synagoge eingeweiht worden, und der Kirchenrath Mayer'hatte in seiner Einweihungsrede ein Thema behandelt, das in dem Säße ..Stuttgart ist unser Jerusalem" gipfelte. Dieses Wort hatte eine zündende Wirkung. Den Einen war es eine Erleuchtung, die von oben, d. h. von dem höheren Standpunkte der Kanzel, gekommen war; was sie gedacht, hatte durch priesterlichen Mund Ausdruck und sonnt Giltigkeit gesunden. Hatte das Iudenthnm keine nationale Zukunft mehr, so war cs nichts mehr als eine gewöhnliche Erscheinung in der Geschichte,^die, wenn sie ihre Mission erfüllt hat, wieder vom Schauplatz ihrer Thätigkeit zurücktritt. Alle Fesseln, die das Iudenthum auferlegte, waren gesprengt, und was man sich bereits erlaubt hatte, war durch priesterlichen Mund sanctionirt, dem Judeurhum war im Namen des Judenthums der Todtenschein ausgestellt lvorden. Den Andern war das „geflügelte Wort" des „Kirchenraths" auch eine Flamme,' aber nicht eine erhellende, sondern eine verzehrende, es war ihnen eine brennende Fackel, die in das Heiligthum des Judenthums geschleudert worden, verheerender noch als die, welche einst den Zionstempet in Brand gesteckt hatte. Seitdem die Rabbiner die Hoffnung ans Israels Zukunft nr! t einfach durch Streichung der auf dieselbe zielenden Gebete ignorirten, sondern dieser Gedanke aus eiuer Kauze! sich in eine positive Form gekleidethatte, wurde derselbe von gleichgesinnten Amtsgenossen bis zum Ueberdruß wiederholt,' bis man nichts von Bedeutung mehr in ihm fand. Aber zur Zeit unsrer Erzählung gingen die Wellen der Erregung noch sehr hoch, so daß das Erwähnte sehr oft das Thema der Unterhaltung abgab. Auch au jenem.Tische drehte sich die Unterhaltung um das erwähnte geflügelte Wort, und Kohn j freute sich, au einer Besprechung von so hoher Wichi rigkcit theilnehmen zu können. * „Ja, ich bleibe dabei," meinte Baurnann, nach den ersten Begrüßungsformelu das Gespräch wieder ausnehmend, „daß die Gebete nm Wiederherstellung Jerusalems und des Tempels für unsre Zeit nicht mehr passen: wir haben hier ein neues Vaterland gefunden. dem müssen wir uns ganz anschließen, müssen also ganz Deutsche werden." „Ich kann Ihnen nur beipflichten," fiel der dichterische Weißhelm ein, „sagt ja schon Schiller: „„An's Vaterland, an's thenre, schließ dich an!"" Ich habe diesen Gedanken cnmral dichterisch bearbeitet und glaube das, was «chiller gewollt, noch bester ausgedruckt zu haben — wir müssen ja nicht immer bei Schiller stehen bleiben. Eben — er griff wie zufällig in die Tasche — bemerke ick), daß ich das Mannseript bei mir habe, ich werde es Ihnen vorteseu; Sie hören es doch gewiß gern?" Alles schwieg. „Da Niemand etwas dagegen zu haben scheint, nehme ich Ihre Zustimmung aü, so hören Sie: Nicht an Jerusalem wollen wir denken. Ans Frankfurt wollen den Sinn wir lenken, Aus unsre Stadt mit dem schlanken Psarrthurm — und den blanken Main — so rufe ich, so laut ich kann: An's Vaterland, an's thenre, schließ'Dich an!" Weißhelm sah sich trinmphirend im Kreise herum und war nicht wenig glücklich, zu bemerken, daß Helle Freude aus den Gesichtern seiner Zuhörer zu sehen war. Es war die Freude, daß der Dichtcrerguß zu Ende war und mau das Lachen nicht mehr unterdrücken mußte. Endlich brach Herr Mayer das Schweigen und rief ironisch: „Brav, sehr brav, sieht Ihnen ganz ähnlich." „Das meine ich auch," entgegnete der Dichter, „Sie werden bemerkt haben, daß meine Worte dem Schiller'schen Ausspruch erst zu ihrem wahren Werthe verhelfen." „Ohne Zweitel!" meinte Somberg, „man sollte so etwas drucken lassen." „Das geschieht! Sicherlich, ich halte es im Dienste der Aufklärung für uöthig." „Ja, ja, L-ie erzeigen derselben damit gewiß einen sehr großen Dienst," meinte Mayer lächelnd. „Sie wollen das doch nicht drucken lassen?" fragte Baumann ängstlich seinen dichterischen Nachbar leise. „Gewiß, was verstehen Sie von der Dichtkunst." Unterdeß war die Zeit vorgerückt und die Stimmung für eine ernste Unterhaltung verdorben: Baumann erhob sich und wollte gehen. „So kommen Sie mir nicht fort!" ries Som-

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