Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1881-02-23 · Heft 8 (23.2.1881) · page 13

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 8 (23.2.1881)
Date
1881-02-23
Page
– (sequence 13)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447850-2447858--17268-2473283
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

189 „Schpäße?" rief er ganz entrüstet, „oßur! Schpaß!" Wenn er mit seiner Frau allein war, und er sich im Laufe des Gesprächs erhitzte, dann kam der Provinziale immer wieder bei ihm zum Durchbruch. Thränen traten der Frau in die Augen, nicht aus Augst, daß ihres Mannes Programm sich verwirklichen werde, sondern aus Wehmuth und gerechter Entrüstung, da sie sah, daß der geckenhaften Eitelkeit ihres Mannes auch das Lebensglück des Kindes nichts galt, da dieser fähig sei, der Tochter einen Mann zu oetroyiren, ohne sich auch nur die Frage vorzulegen, ob nicht uothweudiger Weise mit einer solchen Heirath der Keim zu Zwist und Unfrieden gelegt würde. In einen Streit mit ihrem Manne sich einzulassen, war in ihren Augen das Unangemessenste, was sie hätte thun können. Sie hielt es für gerathen um des Hausiriedens willen, ihm das Ungehörige seiner Denkweise vorzustelleu; je ruhiger sie aber sprach, desto heftiger wurde er, denn er sah das ruhige Sprechen als eine Schwäche an, die sich mit der Zeit ergeben mußte, bis endlich die Frau entrüstet ansstand und mit den Worten: „aus der Sache wird nichts, mich und Emilie wirst Du beute Abend bei Deinen! Grasen entschuldigen; wir fahren in's Theater!" das Zimmer verließ.' Neicherssohn war wie geschlagen; er lies wüthend im Zimmer aus und ab. 'Welche Blamage! heute Abend erwartete er den Grasen zum Nachtessen, und nun wollten Frau und Tochter ihn nicht empfangen; er zermarterte sich das Gehirn, wie ans dieser verzweifelten Lage sich zu retten. Es blieb ihm nichts Anderes übrig, als ein Billet in's Hotel zu senden, in dem er sich entschuldigte, den Grafen beute Abend nicht bei sich sehen Zn können, da ihn eine kleine Unpäßlichkeit befallen habe. - Johann kam bald wieder aus dem .Hotel zurück, er hatte den Grasen gerade beim Einsteigen in eineDroschke gesehen, dieser habe, nachdem er das Bittet gelesen, recht freundlich gelüchelt und ihm viele Grüße an den Herrn Neicherssohn ansgetragen. Die nächsten Tage war Herr Neicherssohn in einer trüben Stimmung; seine Frau hatte das uuerouickliche Thema zwar nicht wieder berührt, aber sein ganzes Betragen war ihr so ungeheuerlich erschienen, daß sie sich nicht zu einigen freundlichen Worten mit ihm zwingen konnte. Mit seinem Neffen war es schon zu einen! Zusammenstöße gekommen, er hatte ihm harte Worte ergeben, als er erfahren, daß jener „fromm" geworden. Am meisten bedauerte er, daß er in seinem Neffen einen Partner gegen seine Frau verloren. Und um das Maß zu füllen, hatte sich der Gras Roterskoff in den letzten Tagen nicht bei ihm sehen lassen; er konnte es nicht begreifen, daß j der so seingebildete Herr nicht einmal die Höflichkeit > hatte, sich nach seinem Wohlsein zu erkundigen, da j er doch von seiner Unpäßlichkeit erfahren.! So unzufrieden über all' die kleinen und großen : Widerwärtigkeiten ging er in seinem Zimmer aus und ab, als Herr Bnntmänn an allen Gliedern zitternd! bei ihn! eintrat.! „Haben Sie schon gehört," ries der Juwelier i ganz erregt ans, „was sich mit Ihrem oder unserm j Grasen zngetragen? Ein Gras? Ein Spitzbub ist er.; ein Gauner, ein Betrüger! Gestern Abend gehe ich! am Hotel sic; Rome vorbei und frage, mehr aus! Neugier als aus einem sonstigen Grunde, den Portier - nach dem Grasen Noterskoff. Der Portier, der mich 1 kennt, fragt mich: bekommen Sie denn auch Geld; von ihm? Ich erschrecke, verrathe aber nichts, frage ihn vielmehr nach dem Grund seiner Frage, da erzählt er mir denn, der Gras habe vor drei Tagen seine Rechnungen im Hotel beglichen, weil er aus einen Tag verreisen müsse, seine Koffer habe er im Hotel gelassen und nur ein kleines Handtäschchen : mitgenommen; es sei aber schon der dritte Tag, und ' der Graf noch nicht zurück. Am Morgen sei dann! ein Herr gekommen, habe sich nach dem Grafen erkundigt, und als er gehört, daß dieser verreist sei, sei er gleich davon und bald mit einem Polizeikommissär zurnckgekommen. Der Graf, erzählte er, sei ihm 2000 Tlilr. gegen Wechsel schuldig, die Wechsel seien sättig, und so wolle er Beschlag auf die Koffer des Grasen legen. Der Portier habe'dann den Auftrag bekommen, jeden nach dem Grafen Fragenden au den Polizeieommissär zu weisen; es seien vielleicht zclm Leute dort gewesen; die sich alle als Gläubiger i des Grafen ausweiseu. Das sei daun sehr verdächtig erschienen, die Koffer seien polizeilich geöffnet : worden und man habe sie alle wohlgefüllt mit —; Backsteinen gesunden. Es war also klar, daß man i es mit einen! großartigen Betrüger zu thun hatte: die Polizei bat überallhin telegräphirt — aber der i Herr Graf lacht sie gewiß Alle ans und läßt sich ■ sicherlich seine Flasche Wein aus einem bequemen! amerikanischen Dampfer gut schinecken. Nun, wie > gefallt Ihnen das?"; ( Herr Neicherssohn ftaub sprachlos da; er dachte! im ersten Augenblicke nicht an die 800 Thlr., für! welche er aarantirt, er dachte daran, wie er sich vor seiner Frau lächerlich geinacht batte, alle Zeitungen mußten die Sache heute bringen; er mußte sich vor seiner Frau schämen. Herr Buntruauu hatte aber noch solidere Erwägungen. „Nun, Herr Neicherssohn, Sie werden mir doch nicht übel nehmen, daß ich Sie daran erinnere, daß Sie für den gekauften Schmuck Eantion geleistet haben?"

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.