Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 7 (16.2.1881)
- Date
- 1881-02-16
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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160 sollte ihm als Fackel dienen, damit er bei dem Scheine desselben einen Theil der Nacht dem Studium widmen könne. So saß er denn in dem Küchenraum auf einem Schemel, in der einen Hand das brennende Kienholz, in der andern Hand die Thorarolle haltend. Schon hatte er es dahin gebracht, in der Thora ohne die als Vocale dienenden Punkte lesen zu können. Und er begann zu lesen: „Bereschith bara Elohim eth Haschamajim weeth Haarez. Im Anfänge erschuf Gott die Himmel und die Erde." Und er dachte über das Gelesene nach, und er betrachtete jeden Buchstaben und fragte sich, zu welchem Zwecke wohl die heilige Schrift gerade diesen Buchstaben, gerade dieses Wort, gerade diese Ausdrucksweise gewählt habe. Und er gab sich Antwort auf seine Fragen. Da stieß ihm die Bemerkung auf, daß der Artikel „die" hier in beiden Fällen überflüssig sei; es hätte ja eben so gut heißen können: Im Anfänge erschuf Gott Himmel und Erde. — Lange dachte er darüber nach, und er war so in Gedanken versunken, daß er nicht bemerkte, daß das Stückchen Kienholz heruntergebrannt war, bis das Feuer seine Hand berührte und die Brandwunde ihn schmerzte. Da löschte er die Flamme und rollte die Thora zu, sprechend: „Nachdenken kann ich auch im Dunkeln und kann das Feuer ersparen." So saß er denn in dem dunklen Raume, sinnend und forschend. Aber bald empfand er, daß ihn die Kälte übermannte. Deßhalb zündete er aufs Neue ein Stückchen Kienholz an, sprechend: „Du liebes Kienholz, Du gewährst mir nicht allein Speise und Trank, Du leuchtest mir nicht nur bei meinem Studium, Du erwärmst auch meinen Körper und schützest mich vor dem Einschlafen; denn, wenn ich einschlafen würde, könnte die wohlthätige Flamme mir gefährlich werden." Und er sann aufs Neue nach über die Frage, welche er sich vorgelegt hatte. Endlich glaubte er die Lösung gefunden zu haben. „Wenn," sprach er, „die heilige Schrift geschrieben hätte: Im Anfänge schuf Gott Himmel und Erde, so hätte die Welt sich irren und meinen können, auch Himmel und Erde seien Gottheiten und hätten mit Elohim gemeinsam das Schöpfungswerk vollbracht. Da aber die Thora den Artikel hinzufügt, so ersieht Jeder, daß Himmel und Erde nicht Schöpfer, sondern Geschaffene sind." Froh ob der gefundenen Lösung suchte Akiba fein Lager auf, um durch einige Stunden Schlaf Kraft zu gewinnen für die Arbeit des morgigen Tages. Da der erste Arbeitstag Akiba die Mittel für den Unterhalt auf mehrere Tage gewährt hatte, so beschloß er, fürs Erste kein Kienholz zu suchen und wieder ausschließlich Tbora zu lernen. Auch drängte es ihn, ßu erfahren, ob sein Lehrer die von ihm gefundene Lösung der Frage als die richtige anerkennen werde. Als er nach Gimso kam, fander seinen Freund JischmaÄ, dem er die Resultate seines Nachdenkens mittheilte. Dieser aber schüttelte den Kopf und sprach: „Du hast Dich, Freund Akiba, nicht also um das Gotteswort bemüht, wie Du Dich hättest bemühen sollen. Ein solcher Jrrthum, wie Du ihn voraussetzest, wenn die Thora den Artikel weggelassen hätte, wäre nicht möglich, denn dann müßte es ja heißen: Im Anfänge schufen Gott, Himmel und Erde. — Deine Frage ist eine richtige, und die heilige Schrift will uns allerdings mit den scheinbar überflüssigen Partikeln etwas andeuten. Siehe, als Gott die Welt erschuf, da hat er durch sein Schöpfungswort das All in seiner Gesammtheit erstehen lassen, und in den sechs Schöpfungstagen nur das schon Geschaffene ausgebaut. Daher deutet uns der zu „Himmel" hinzugefügte Artikel an, daß Gott zu gleicher Zeit mit den Himmeln Sonne, Mond und Sterne erschaffen habe; diese entstanden dem Stoffe nach gleich im Anfänge auf Gottes Geheiß und wurden erst am vierten Schöpfungstage gleichsam ausgebaut und in ihre Stellungen eingewiesen; ein Aehnliches lehrt uns der Artikel, der zu „Erde" hinzugesügt ist. Bäume, Pflanzen und der Garten Eden entstanden dem Stoffe nach gleich anfangs, sprossen aber am dritten Schöpfungstage auf Gottes Geheiß hervor. Ich will Dir beweisen, daß dem so ist. Es heißt an einer andern Stelle: Dies ist die Entstehungsgeschichte von Himmel und Erde, da sie erschaffen wurden, am Tage, da der Ewige, Gott, machte Erde und Himmel. Bei der Schöpfung waren die Himmel das Erste; beim Ausbau aber kam die Erde zuerst; denn am dritten Schöpfungstage sproßten die Pflanzen hervor, während erst am vierten Schöpfungstage Sonne, Mond und Sterne ihre Plätze angewiesen erhielten." „Ich danke Dir, mein Bruder Jischmaäl," sagte Akiba; „das nächste Mal werde ich mich bemühen, richtiger zu denken und angestrengter zu forschen." Als Akiba am Abende nach Hause zurückkehrte, war ihm ein Söhnlein geboren, dem er den Namen Josua gab. (Fortsetzung folgt.) Hierzu zwei Beilagen. Verantwortliche Redaction: Or. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „Israelit* große Bleiche 45. I. EottSleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger).