Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 4 (26.1.1881)
- Date
- 1881-01-26
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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89 Feuilleton. Lin angeblicher Hebrauch der kaukastschen Juden. „Wenn ein Jude in Transkaukasien im Sterben liegt, so treten seine Freunde an das Lager und drehen ihm im Augenblick des Todes das Genick derartig um, daß das Gesicht nach hinten steht. Auf die Proteste der nächsten Angehörigen, wenn diese etwa glauben, daß der rechte Moment noch nicht gekommen sei, wird nicht geachtet; das Umdrehen muß mit einem scharfen, kräftigen Ruck erfolgen, sobald der Sterbende den letzten Seufzer aushaucht, und um nicht zu spät zu kommen, kommt man lieber etwas zu früh. Es kommt vor, daß der Patient dabei statt des letzten Seufzers ein heftiges Gebrüll ausstößt und das völlige Umdrehen hindert; ja es gibt Leute, die danach wieder gesund geworden sind und einen schiefen Kopf als Andenken an die versuchte Operation behalten haben. Allein das sind Ausnahmen, in den meisten Fällen ist der Todeskampf mit dem Genickumdrehen vorüber." Die vorstehende Räubergeschichte ist wörtlich dem „Ausland" entnommen, einer verbreiteten Zeitschschrift für Natur- und Völkerkunde, deren Redacteur ein namhafter Ethnologe ist und in dieser Eigenschaft in der Lage sein könnte, die Unglaubwürdigkeit seiner Mittheilung zu beurtheilen. Die gelenkigen Verbindungen zwischen Kosif und Atlas, seinen! unmittelbaren Träger, zwischen diesem und dem zweiten Halswirbel gehören zu den widerstandsfähigsten des ganzen Körpers. Unter „Genickbrechen" versteht der Anatom weder einen Bruch der Knochen, noch eine Verrenkung, Verletzungen, die primär niemals beobachtet worden sind, sondern er versteht darunter die Zerreißung des Bandapparates, zwischen Atlas und zweitem Halswirbel. Auch diese Verletzung gehört zu den größten Seltenheiten, wird beim Henken beabsichtigt, aber in den meisten Fällen nicht erreicht, vielmehr tritt der Tod in Folge der Unterbindung der Blutgefäße ein. Als Beispiel des Genickbrechens durch äußere Gewalt pflegte Hyrtl anzuführen, daß ein Knecht, aus hochbeladenem Heuwagen sitzend, die Höhe des Thorweges, in den er einfuhr, überschätzte und mit dem Kopfe so heftig anstieß, daß er augenblicklich getödtet war. Die Section zeigte, daß der Gelenksfortsatz des zweiten Halswirbels, die ihn umspannenden Bänder gesprengt hatte und in das Rückenmark eingedrungen war. Jeder Mediciner des ersten Jahrganges weiß, daß ein Genickbrechen aus freier Hand einfach ein Ding der Unmöglichkeit ist. Allein der Berichterstatter des „Ausland" braucht die anatomischen Verhältnisse der Halswirbelsäule nicht gekannt zu haben; er begreift unter Genick den ganzen Hals, und die Leser nehmen die Sache auch nicht so genau; es wird ihnen bei der Thatsache des Halsumdrehens gruselig genug. Wie steht es aber um diese Thatsache? Auch sie ist von vornherein höchst unwahrscheinlich. Jedermann kennt die Halswirbelsäule kleinerer Thiere, welche uns zur Nahrung dienen, und weiß, wie schwierig sie aus ihren Gelenken gebracht oder gar durch Drehung gebrochen werden könnten, selbst dann, wenn die Weichtheile keinen nennenswerthen Widerstand mehr leisten- Wie erst beim Menschen! Unsere Bedenken gegen die Rich- * tigkeit des gemeldeten Vorganges wurden zuerst von befreundeten Collegen, sodann von den anatomischen Autoritäten der Wiener Hochschule getheilt, zugleich aber beschlossen, einen Versuch zu machen, weil der Fall noch nie vorgekommen sei und die Möglichkeit desselben theoretisch nicht absolut ausgeschlossen werden könne. Am 5 Januar d. I. wurde im Wiener anatomischen Secirsaale im Beisein unzweifelhafter Autoritäten eine Leiche mit langem dünnen Halse gewählt. Von drei kräftigen Männer sixirte einer den Thorax unverrückbar, die beiden Anderen — für mehr als vier Hände bietet der Kopf keine Angriffspunkte — führten die Rotation aus. Die Drehung um 180 Grad gelang nicht vollständig, doch nahezu, der Kopf kehrte aber sofort wieder in seine frühere Lage zurück. Bei der vorgenommenen Section fand sich keine andere Verletzung als eine kleine Dehiscenz des Ligamentum longitudinale anterius zwischen dem fünften und sechsten Halswirbel. Aus diesem Versuche, der unter den denkbar günstigsten Bedingungen angestellt wurde, ergibt sich demnach unwiderleglich, daß der eingangs erwähnte Vorgang zum mindesten eine arge Uebertreibung ist. Aberglaube und Fanatismus treiben oft sonderbare Blüthen, und man kann natürlich nicht behaupten, daß etwas Aehnliches niemals versucht worden sei. In Spanien gab es eine Verbrüderung, deren Mitglieder verpflichtet waren, die Sterbenden unmittelbar nach Empfang der Sterbesakramente durch Kiffen zu ersticken, damit sie nicht mehr in die Lage kämen, neuerlich Sünden zu begehen. Die Sache kam aus, als ein Mitglied selbst in Todesnöth.'n war und sich sehr energisch streubte, mit seinen Genossen allein zu bleiben. So mag zugegeben werden, daß vielleicht auch das Halsuindrehen von Jemandem irgendwo als unfehlbares Mittel angesehen wurde, um der Freuden des Paradieses theilhaftig zu werden. Von dieser hypothesischen Anschauung bis zu einem „Gebrauch" ist aber ein weiter Weg, der, wie wir gezeigt haben, überhaupt nicht zurückgelegt werden kann. Denn so wie Jemand versuchen würde, seine subjective Ansicht zu bethätigen, würde er gleich aus die