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Der Israelit · 1881-01-19 · Heft 3 (19.1.1881) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
22 (1881)
Issue
Heft 3 (19.1.1881)
Date
1881-01-19
Page
– (sequence 13)
Language
German
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theilen-en, der in keiner Lage des Lebens den Muth der freien Meinungsäußerung verlor und erfüllte ihn mit einer unbegrenzten Liebe gegen den Vater, weil dieser sein Vaterrecht nicht auch zu einem Recht, seine Gesinnung zu beherrschen, mißbrauchte. So war er nicht ein in seinen Gefühlen dem Vater entfremdeter Sohn, welcher nach Ablauf seiner Universitätsstudien das kleine Landhaus betrat, in welches sich jener, nachdem er aus dem Staatsamt geschieden, zurückgezogen hatte. Hier in dieser traulichen Abgeschiedenheit wollte der junge Mann unter Leitung des rechtskundigen gelehrten Vaters seine Studien fortsetzen und sich auf die richterliche Cariere vorbereiten. Der Tag war den Studien gewidmet, der Abend jedoch unterbrach die Stille dieses ländlichen Aufenthaltes, indem bisweilen befreundete Familien aus der Stadt den kleinen Kreis der Hauensteins aufsuchten, oder diese selbst in die Residenz zu einem Besuche bei Freunden oder ins Theater fuhren. Der junge Mann benutzte die viele Zeit, die ihm zu Gebote stand und die gute Gelegenheit, unter des Vaters Leitung sich recht tüchtig auszubilden, sehr gut und bestand mit einer guten Rote das juristische Staatsexamen. Schon war seinerseits der Plan gefaßt, nach der Residenz zn übersiedeln, um als Referendar die juristische Carwre zu betreten, als ein Ereigniß eintrat, das ihn zum Aufgeben seiner Pläne veranlaßte und ihn in andere Bahnen lenkte. Suchen wir jetzt Arno's Freund, Kohn, näher kennen zu lernen. Dieser war aus einem kleinen Flecken des Großherzogthums Posen gebürtig. Er war noch ein kleiner Knabe, als seine früh verwittwete Mutter mit dein einzigen Kinde nach Berlin übersiedelte, woselbst sie einen wohlbegüterten Bruder hatte. Sie selbst erfreute sich auch guter Vermögensverhältnisse und konnte also, ohne sich Opfer aufzubürden, ihren Sohn mit der größtmöglichen Sorgfalt erziehen und ihm eine allseitiae Bildung angedeihen lassen. Wurde auf diese Weise das mütterliche Erbe gut angewendet, so war doch der bedeutsamste Theil desselben in dem keinen Flecken M. zurückgeblieben, der echt religiöse Sinn, den das ganze Leben des verstorbenen Vaters so glänzend ausgezeichnet hatte. Die junge Wittwe war von ihrem Bruder leicht zu der Ansicht zu bekehren, daß das „Frommsein" sich recht wohl für das kleine, abseits der Eisenbahn liegende M. passe, aber nicht für die glänzende und strahlende Residenz Preußens, für die Stadt der Intelligenz. Er selbst habe diese altmodischen Mucken längst überwunden, er bliebe wohl Jude, würde sich Gottbewahre nicht taufen lassen, er vertrete sogar jüdische Interessen und habe solches schon mit Erfolg gethan, — aber nach alter Väter Sitte durch mosaische oder gar nach talmudischen Satzungen sich einschränkeu, sich die gesellschaftliche Annäherung an christliche Kreise erschweren oder gar unmöglich machen — das gehe nun einmal nicht, das vertrage sich nicht mit dem Zeitgeiste und widerspreche der Periode der Aufklärung, in welcher wir lebten. Wenn auch diese Redeweisen nicht in dem Maße die junge Frau so umwandelten, daß sie vollständig mit ihrer Vergangenheit brach; wenn sie, sei es aus einem gewissen Pietätsgefühl gegen ihren verstorbenen Mann oder als eine Art Sicherstellung auch nach anderer Seite hin, auch ihren Haushalt gesetzlich rituell führte, in ihrem Hause die Sabbate und Feiertage halten ließ: so machte sie außerhalb dem Hause allerlei Concessionen dem sogenannten Zeitgeiste und übertrat alles Das leichten Muthes, auf dessen strenge Beobachtung sie im Hause drang. So vereinigte sie in sich die fromme strengreligiöse Hausfrau der Provinz mit der Welt- und Lebedame der Residenz. Für die religiöse Erziehung ihres Kindes war dieses Zweiseelensystem von den nachtheiligsten Folgen. Wäre die Mutter entschieden irreligiös gewesen, so wäre dem Heranwachsenden Sohne das Religiöse wenigstens nicht als eine Farce erschienen; so aber konnte er das häusliche religiöse Leben seiner Mutter nicht anders als, was es bei ihr vielleicht in der That war, das abergläubige Festhalten an alten Gebräuchen aus Furcht vor etwaigen Uuglücksfällen ansehen und Alles, was man ihm als Zubehör zur jüdischen Religion deutete, mußte in seinen Augen zu einem Aberglauben herabsinken und somit lächerlich werden. Als er zur Universität ging, hatte er vom Judenthum nicht viel abzustreifen; er wußte nur, daß er von Geburt Jude war Um so mehr war er von der Abweisung erschüttert, die er als Jude in der „Harmonie" zu erfahren hatte, als er sich mit seiner ganzen Lebensweise und Denkart mit den Anhängern des Christenthums im Einklang fühlte. Was sollte denn noch seitens der Juden geschehen, um Aufnahme in jeden gesellschaftlichen Kreis zu finden, als alle die äußeren Schranken zu beseitigen, welche die Religion dem innigen gesellschaftlichen Verkehr, zwischen diesen und den Christen gezogen hatte. Und waren seinerseits die Schranken nicht übersprungen? konnte er nicht an jeder Tafel essen? Hielt ihn irgend ein Feiertag von irgend einer Lustbarkeit oder Beschäftigung zurück? Und doch zurückgewiesen? War das, was sein Onkel immer von dem Zeitgeist und der Nothwendigkeit aus der Zurückgezogenheit zurückzutreten, die beengenden Gesetze aufzuheben, vordocirt hatte, eitel leeres Geschwätz gewesen? Hatte man vielleicht mehr geopfert, als man gewonnen? Ja,

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