Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 22 (1881)
- Issue
- Heft 1 (5.1.1881)
- Date
- 1881-01-05
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447850-2447851--17088-2473096- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
20 „Was sagen ©tcj>a," fuhr er erregt auf Herrn Lautenschläger los, „Die wagen es, ein Urtheil über die Bedeutung oder Bedeutungslosigkeit des --r>'vi-o ns3 abzugeben? Hier liegt eine nw2n, ich wette so hoch Sie wollen, das; Sie den von Ihnen verpönten .122 rp^-to noch nicht einmal übersetzen können. Also, wie hoch?" „Ich wette principiell niemals," erwiderte so ganz von oben herunter Herr Lautenschläger dem jugendlichen Greise. „Sic wollen nicht? Gut, das ist solide und anerkennungswerth. Aber Sie sind doch sonst ein guter Mensch/haben zu jeder Zeit ein warmes Herz für Arme und Bedürftige gezeigt, ich gebe 100 Thaler in die Armenkasse, wenn Sie mir z. B. die vier Worte ns-tp 1223 rp’^s r« richtig übersetzen." „Mein Examen habe ich bereits gemacht," bemerkte schnippig Herr Lautenschläger. „Sie aber, Herr Waldberg, sind mein Examinator nicht." „Nicht?" fuhr dieser empor. „Nun, Herr Rabbiner, haben Sie die Güte und überzeugen Sie sich doch gefälligst, ob der Lehrer, dessen Schule zu inspiciren Sie im Begriffe sind, selber die rn?n übersetzen kann, welche er die Kinder lehren soll. Vielleicht erkennt der Herr Lehrer Sie eher als Examinator an." „Es liegt mir fern," erwiderteich auf diese Aufforderung, „eine Prüfung in dem von Ihnen gewünschten Sinne vorzunehmen, und ich kann es auch Herrn Lautenschläger nicht verübeln, wenn er einer in dieser Weise gestellten Forderung sich weigert, Folge zu leisten. Aber ich dächte," bemerkte ich zu Herrn Lautenschläger gewendet, „wir sollten Herrn Waldberg die 100 Thaler nicht schenken, zumal eine Weigerung Ihrerseits Sie dem Verdacht aussetzen könnte, als entspränge sie in der That einem Mangel an Wissen. Ein solcher Verdacht würde thatsächlich in vorliegendem Falle um so schwerer wiegen, da Sie ja mit der Miene eines Sachkenners ein Urtheil über den j'p'tna rr:3 gefällt haben." Die zahlreich Versammelten schlossen sich ebenfalls so entschieden diesem Verlangen an, daß Herr Lautenschläger nicht mehr länger ausweichen konnte. „Die Stelle ist ja so leicht und einfach," bemerkte daraufhin der Herr Lehrer, „daß sie jedes Kind richtig übersetzen kann, neu* jocsn ppS-io heißt einfach: „man darf nicht mit verbranntem Oel anzünden!" Darauf folgte ein schallendes Gelächter des Herrn Waldberg, in welches die ganze Gesellschaft, den Herrn Lehrer ausgenommen, einstimmte. „Nun haben Sie Recht, daß Sie den i'pH-ro .123 nicht sagen, wenn er wirklich einen solchen Unsinn enthält, daß man Oel, welches schon verbrannt ist, nicht mehr zum Auzündeu der Lichter gebrauchen dürfe! Bravo, Herr Lautenschläger!" Herr Lautenschläger that mir leid, obwohl er die Lectiou redlich verdient hatte. Ich nahm für ibn Partei, indem ich bemerkte, daß dies in der That eine Stelle sei, die nicht durch eine bloße wörtliche Uebersetzung wiedcrgegeben werden könnte Um jedoch die Ehre des Herrn Lautenschläger und die 100 Thaler zu retten, schlug ich noch eine andere Probe und zwar eine leichtere vor. Siegesgewiß ging Herr Waldberg, zögernd dagegen Herr Lautenschlüger auf den Eompromiß ein. „Was' heißt," examinirte Herr Waldberg, „-onx ip^-in ,cn3->j/ ,cn^y?" Nun fing Herr Lautenschläger's Jubel an, er gewann sein altes, herablassendes Pathos wieder und docirte, wie dies eine sehr sinnvolle talmndische Tendenz sei, der die Wahrheit zu Grund liege, daß man-über den sinnlichen Bestrebungen und Genüssen auch die Pflege des Geistes nicht vernachlässigen solle. „Seid ihr reich geworden, habt ihr die Annehmlichkeiten des Lebens gekostet, so zündet nunmehr das Lickt an!" Triumphirend blickt Herr Lautenschlüger im Kreise umher. „Das hat er aus irgend einer Mannheimer'schen Predigt herausgelesen,"' flüsterte der Alte mir leise zu, „er von selbst käme noch nicht einmal auf ein solches Psch'ättel." Ith mußte nun erklären, daß auch diese Stelle nicht richtig übersetzt sei, konnte es aber doch nicht unterlassen, Herrn Lautenschläger zu fragen, warum er dem Bameh Madlikin, wenn er nach seiner Meinung wirklich so schöne Satzungen nthalte, dennoch so gram sei. Gerade in einer Zeit, die so energisch auf Licht, mehr Licht dränge, wäre es ganz unbegreiflich, wie die Herolde der modernen Erleuchtung ein ganzes Kapitel aus unserem Gebetbuch streichen wollten, das doch lediglich die richtige Erleuchtung zum Gegenstände habe. Herr Lautenschläger sagte, daß er gar nichts gegen den Bameh Madlikin an und für sich zu erinnern habe, er sei im Gegentheil immer ein so großer Verehrer derselben gewesen, daß er sich schon mit dem Gedanken getragen habe, ihn zu componiren, und er für seine Person wolle ihn gerne in's Gebet aufnehmen, wenn der Vorstand damit einverstanden wäre. Der Herr Vorsteher aber meinte, die Gemeinde sei, wie er sehe, auf dem besten Wege, wieder in die mittelalterliche Barbarei zurückgestoßen za werden, wenn sie die alten und veralteten Theile der Liturgie nunmehr so ohne Weiteres wieder einführen wolle. Hattenfels ist eine fortgeschrittene Gemeinde und steht nicht mehr auf dem Standpunkte des Bameh Madlikin. „Ich dächte, Herr Vorsteher, wir könnten hier