Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-12-24 · Heft 52 (24.12.1879) · page 6

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 52 (24.12.1879)
Date
1879-12-24
Page
– (sequence 6)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
95% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447848--17031-2473038
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

Mentioned entities

OCR text

1 entity mentions

1374 Im Jahre 1853 wurde die neuerbaute Reformsynagoge eingeweiht, und Herr Or. Joseph Aub, bis dahin Rabbiner in Baireuth, als erster Rabbiner berufen, während Herr vr. Cahn als zweiter Rabbiner inftallirt wurde. Von da an datirt sich die Trennung innerhalb der Gemeinde und die Gründung der isr. Religions - Gesellschaft. — Als im Jahre 1866 Herr Or. Aub nach Berlin berufen wurde, erhielt Herr Or. Cahn die vacant gewordene Stelle einessersten Rabbiners. Als sein Nachfolger ist Herr Or. Saalfeld, gegenwärtig Rabbiner in Dessau, ausersehen, und soll die Annahme desselben als gewiß gelten. Alts Baiern. 17. Dezember. Am Dienstag den 16. d. M. früh 8 Uhr wurde in Würzburg dem zum Tode verurtheilten Raubmörder Hollebcr in seiner Keuche die Bestätigung des Todesurtheils verkündet. Nach Ablesung des Urtheils brach derselbe in heftiges Weinen aus und erbat sich die zweitägige Gnadenfrist. Die Hinrichtung findet Donnerstag früh 8 Uhr statt. Aus Berlirt vom 17. d. M. wird geschrieben: Das Leben einer Weltstadt wie Berlin treibt wunderbare Blasen. Der Spiritistenschwindel hat allerdings hier keinen Boden gefunden: dafür dauert aber der christlich-sociale Spuck noch immer fort und die dort inscenirte Jüdenhetze hat ihre besonderen Ableger getrieben, deren einer sich uns in der Gestalt der Antisemitenliga präsentirt. Gestern fand eine Versammlung dieser neuen Culturkämpfer statt. Es war durchaus nicht etwa der Pöbel der Gasse, der sich zusammenfand, um Herrn B. de Groussilliers über „Nathan den Weisen" und die Antisemiten-Liga sprechen zu hören; sondern das etwa 300 bis 400 Köpfe starke Auditorium gehörte zu der sogenannten guten Gesellschaft; hier hatten sich Kaufleute und Aerzte, Beamte aller Kategorien, wie die Freunde des Berolinensis Silesiacus, des Verfassers des berüchtigten „Jüdischen Referendarius", Rendezvous gegeben. Herr de Groussilliers eröffnete seinen zweistündigen Vortrag mit einer Verherrlichung der „blonden Race". Mir siel dabei jenes Gedicht von Heine ein, in dem sich der Liebhaber der judenfeindlichen Donna am Ende als der Sohn des Rabbi entpuppt. Herr de Groussilliers ist ein kleiner schwarzer Mann und sicherlich kein Abkömmling der „blonden" Race; doch trotz seines jüdischen Aeußern und seines französischen Namens verbreitete sich der Redner über den germanischen Racentypus, als ob er selbst zu den „Kindern Gottes", wie er nach der Bibel die lichte Race nannte, gehörte. Nathan der Weise wurde nur vorübergehend erwähnt. um Lessing gegen den Vorwurf der Toleranz in Schutz zu nehmen, wenigstenj der Toleranz im Sinne der aufgeklärten Geister des vorigen Jahrhunderts; denn nach der Auffassung unserer Judenfeinde bedeutet echte Toleranz, daß die Bekenner einer Religion den Sieg derselben zwar nicht durch Gewali oder unlautere Ueberredungsmirtel erkämpfen sollen, doch aber auf dem Wege der Liebe; eine Religion, die keine Proselyten machen wolle, sei ein abgestorbenes Ding, das keine Berechtigung mehr für die Menschheit habe. Es handelt sich für ihn zunächst nur um vier Thesen, nämlich: 1) dem jüdischen Volke fehlt die eigentliche, schaffende Volkskraft, daher der Drang der Juden zu solchen Berufsarten, die auf müheloses Erlisten, einseitigen Gewinnst, schnelle Erspähung und Benutzung eines Vortheils gegründet sind (Anm. der Red.: Welch eine plumpe Lüge!) 2) die Lehren des Talmuds sind unmoralisch und verbrecherisch (Anm. der Red: Wie oft ist dieser Unsinn schon widerlegt worden!) ö) die „Alliance Jsraelite" ist eine politische Gesellschaft; 4) der Kagal (Anm der Red.: Richtiger ..Kahal". soviel wie Gemeinde. Welch ein Unsinn!) sin Rußlands ist t ine religiöse Räuberbande. Der Vortrag war geschickt mit einer Menge von Citaten aus jüdischen Schriften gefaßt, die ganz geeignet waren, die Hörer in eine gewisse sittliche Entrüstung zu versetzen. So soll, beispielsweise. Berthold Auerbach zu einem Hamburger Schulmanne sich geäußert haben: „Wir Juden sind doch die intelligenteste Race. Nehmen Sie einen in Lumpen gekleideten polnischen Trödeljuden und stellen Sie diesen dem intelligentesten Schwarzwälder Bauern gegenüber, für wen würden Sie sich entscheiden? Gewiß für den Juden; denn der germanische Bauer ist dumm, der verkommenste Jude ist immer noch ein Jude." Der Dichter der „Schwarzwälder Dorfgeschichten" wird vielleicht Veranlassung nehmen, dieser ihm untergeschobenen Geschmacksrichtung entgegenzutreten. Zum Schluffe seines mit stürmischem Beifall aufgenommenen Vortrags kündigte Herr G. das demnächstige Erscheinen eines Organs der Antisemitenliga an. — Man möge die Bewegung, die sich hier vorbereitet, nicht unterschätzen. Freilich wird sie keine ernsten Folgen haben; dazu ist das politische Verständniß in einer Großstadt, insbesondere bei den arbeitenden Klaffen, zu groß, obschon die Herren Stöcker, Groussillier und Genossen nichts unversucht lassen werden, um aus ihrer Hetze positive Resultate zu erzielen, wenn es auch nur ein kleiner Krawall ist; aber schon das wäre traurig genug in einer Zeit, die des Elends und Jammers so viel hat. Und daß diese

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.