Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1879)
- Date
- 1879-12-10
- Page
- – (sequence 15)
- Language
- German
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1333 tag nach der Kirche im Brauschitzer Dorfghetto ein recht lebhaftes Geschäft zu entwickeln. Auch heute hatten die Juden in gewohnter Weise die ausgewähltesten Prachtstücke ihres Waarenlagers als starke Magnete an ihre HauSthüren geheftet, und standen, ihre Kundschaften erwartend, vor ihren Wohnungen. Nach der Kirche strömten nun auch große Haufen Bauern und Bäuerinnen in die Judengasse. Die Juden luden ihre Geschäftsfreunde mit lauter Stimme ein, die Verkaufslokalitäten zu betreten, und all die Herrlichkeiten, die sie halb umsonst bekommen sollten, in Augenschein zu nehmen. Den Männern ward dringend die Ansicht der allerschönsten Pfeifenköpse mit den Brustbildern Maria Theresias, Kaiser Josefs, Friedrich des Großen, Prinzen Eugens, Feldmarschall DaunS, des Panduranführers Trenk u. A. — dann prachtvoller bocklederner Hosen, Peitschen, Hosenträger, Geldgürtel, Tabaksdosen, Ackergeräthe, Tuche, fertiger Kleider — empfohlen, während die Frauen und Mädchen zur Besichtigung von farbigen Kopftüchern, Kattunen, Schürzen,'rothen Strümpfen, Schuhen, Ohrgehängen, Korallen und andern Toilettegegenständen eingeladen wurden. Das Wesen und die Gepsiogenheit der Käufer war v rschieden, einige ließen sich nicht lange bitten und traten sofort ein, während bei andern oft das milde Wort nicht genügte, und sie mit Anwendung von sanfter Gewalt ins Innere gezerrt werden mußten. Nun entstand ein zuweilen stundenlang währender Kampf zwischen Käufer und Verkäufer, der Erstere verließ mindestens zwanzigmal das Verkaufslokal und ließ sich zurückwinken, zurückcufen bei gesteigerter Halsstarrigkeit zurückschleppen, — bevor der zuweilen sehr geringfügige Handel abgeschlossen wurde. Während der Verkäufer mit orientalischer Lebhaftigkeit, mit oratorischem Schwung, den zu verkaufenden Gegenstand anpries, setzte ihm der Käufer entweder eine destructive Antikritik, oder was bei der angeborenen Lebendigkeit der Juden auf diese noch unangenehmer wirke, scheinbar stumpfe Gleichgiltigkeit entgegen, die aber oft nichts anderes als bäurische Schlauheit war — denn oft fand der Bauer schon an dem Feilschen und Handeln selbst ein eigenthümliches Vergnügen und Behagen. Es war Nachmittag, der geschäftliche Verkehr hatte seinen Culminationspunkt erreicht, die Käufer flutheten in der engen Dorfgasse, welche das Brauschitzer Ghetto bildete, auf und ab, und nur vor Veit Weritsch Hause war es ruhig wie an einem Sabbate. Hanna, ihr Vater und Bruder waren am frühen Morgen, nachdem sie sich von Leipnik verabschiedet hatten, tief betrübt zurückgekehrt. In der menschlichen Natur liegt eine gewisse Unsicherheit, ein gewisses Schwanken, in der Regel — (die Starkgeistigen, welche, wenn sie einmal zu einem Enschluffe gelaugt sind, an diesem mitConsequenz und Zähigkeit festhalten, bilden die verschwindend kleine Minderzahl) — bedauert man jeden richtigen Schritt, den man gethan und dessen Erfolg noch nicht gesichert ist, und quält sich damit zu glauben, daß der gegentheilige der richtige gewesen wäre. Als Veit Weritsch und seine Tochter heimgekehrt waren, begannen sie von Neuem zu reflectiren; sich heute mit launischen Bauernkunden zu plagen, dazu fehlte ihnen Lust und Stimmung und sie öffneten heute nicht ihr Verkaufsgewölbe. — Veit setzte sick zum Tische, er versuchte eS zuerst zu lernen*), aber er war mit seinem Geiste nicht bei der Sache; er konnte sich nicht sammeln und er schob das Sefer 1 2 3 4 5) weit weg von sich — dann versuchte er eS eine Pfeife Tabak zu rauchen; aber auch diese schmeckte ihm nicht; unruhig schritt er im Zimmer auf und ab, endlich lehnte er sich an den Ofen und starrte kummervoll vor sich hin. Auch der noch gestern Abend so vertrauensselige Mosche saß wortlos auf der Ofenbank und richtete nur zeitweilig seine lichtlosen Augen in jene Richtung, in welcher er seinen Vater und seine Schwester vermmhete. Jetzt schlug eS von der Schloßthurmuhr gerade drei, als Veit Weritsch, um das lange Schweigen, das endlich bedrückend zu werden begann, zu brechen, die müßige Frage aussprach: „wo wird Jakow jetzt sein?" Unwillkürlich stieß Hanna einen tiefen Seufzer aus, Molche aber antwortete mit seiner sanften traurigen Stimme: „Wo er ist, kann ich Euch freilich nicht sagen, wahrscheinlich auf dem Wege nach der ungarischen Grenze; aber das Eine kann ich Euch mit Bestimmtheit versichern, er steht unter Gott boruch hu's2) Schutze." „Das habt Ihr recht, Mosche!" ließ sich jetzt plötzlich eine Stimme vernehmen; „aber auf dem Wege nach Ungarn ist Jakob Leipnik nicht!" David, der Schulfchammes^), war nämlich unbemerkt eingetreten, aber sein bescheidenes: „boruch ha nimzo^)", war von den in Gedanken Vertieften überhört worden. David Schammes, ein kleiner ältlicher Mann, war nämlich in Amtsge- 1) Talmud oder Mischna studiren. 2) Buch. 3) «Gelobt sei er. 4) Lynagogendiener. 5) Gesegnet, den man hier findet.