Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1879)
- Date
- 1879-12-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
- Belongs to
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1332 Feuilleton- Per neue Höeramtmann. Erzählung audem dritten Viertel deS achtzehnten Jahrhunderts von S. Sohn, Verfasser von „Gabriel". (Fortsetzung.) Als nun der Haufe bedächtig die Pappelallee zu der Linde hinschritt, bei welcher sich die vor Kurzem geschilderte Scene abgespielt hatte, waren die Ankömmlinge auf wüstes Geheul und Spektakel gefaßt gewesen und wurden angenehm durch die herrschende Ruhe überrascht, und ihre Ansicht über die Gefährlichkeit der Anzugreifenden wurde in wohlthuendster Weise modifizirt, — ja als Klaus in der Nähe anlangend die ganze Me schengruppe recht friedlich und harmlos ruhig stehen sah, da erwachte sein etwas eingeschläferter Löwenmuth zur Hellen Flamme, mit kriegerischer Dienstbeflissenheit drängte er die Bauern zur Seite, trat wieder an die Spitze, schnitt als hervorragende Kundgebung seiner Kampfeslust mörderliche Grimassen und schwang — wie ein Indianerhäuptling seinen Tomohawk — seinen Bambus in großen Kreisen um sein erglühendes Haupt, stürzte in wilder Berserkerwuth — aber doch mit einem tiefen unterthänigen Bückling vor seinem Patrone — auf die beiden Fremden hin und schrie: „Sind das die beiden Coujons, die Mörder und Banditen, die elenden Hochverräther, die in Ketten und Banden geschlagen werden sollen?" — aber plötzlich blieb er wie erstarrt stehen, der scheinbare Hauptfilou nämlich, war der Einzige, der seine leichte Reisekappe wieder aufgesetzt hatte, die andern Herren standen entblößten Hauptes, — alle, die Damen nicht ausgenommen in ehrfurchtsvoller Haltung vor ihm. Der Baron, ein Mann von geringen Geistesgaben, namentlich ganz ohne Geistesgegenwart — er hatte im Strudel der Ereignisse schon ganz an der befohlenen Verhaftung vergessen — erschrack nun so, daß er ganz fassungslos wurde und völlig sprachlos daftand. Der Amtmann aber glaubte, daß jetzt der Moment gekommen sei, wo er handelnd eingreifend und seine Loyalität und Unterthanentreue in passender Weise zum Ausdruck bringen könne, und alle seine Energie machtvoll coucentrirend war e's seine erste Amtsthätigknt dem verblüfften Klaus, fammt feinem Heerbanne zuzurufen: „Ihr verfluchten Heuochsen! Daß Euch dreitausend Teufel reiten! — Ihr blöden Esel, erkennt Ihr denn die Majestät deS Gesalbten? Wir stehen da vor unserem allergnädigsten Herrn und Kaiser Josef! — hoch, hoch; dreimal hoch!" und dabei schwang er den Chapeau-bas, den er unter dem Arme getragen, wie ein Wahnsinniger um seinen Kopf. Die Bauern stutzten einen Augenblick, als aber der Baron in den Ruf einstimmte, schrien sie ganz verwundert: „Ei der Tausend! daS ist unser guter, gnädiger Herr Kaiser? hoch, hoch, dreimal hoch!" und als einer den glänzenden Gedanken harte, seine nun entbehrlich gewordene Waffe weit weg zu schleudern, seine Mütze vom Kopf zu reißen, auf die Knie zu fallen und des Kaisers Rockzipfel zu küssen, folgten alle andern diesem Beispiel, die Blumenbeete des Gartens waren bald mit den improvisirten Bauernwaffm bedeckt, und der Kaiser sah sich von knieenden Bauern umringt, die nach seinen Rocksaum schnappten. Der Kaiser war von dieser Huldigung halb! belustigt, halb geärgert, und er rief lachend: „Steht doch auf. ich kann das nicht leiden — und Graf Rosenberg sorgen Sie gefälligst dafür, daß wir aufbrechen können, damit wir noch vor Einbruch der Nacht das Fürst Lichtenstein'sche Schloß erreichen." Siebentes Kapitel. Der Sonntag war für die Landjuden im Allgemeinen und daher auch für jene des Dorfes Brauschitz ein hochwichtiger Tag. Von einer drückenden sinnlosen Gesetzgebung ' vom Staats- und Militärdienste, vom Lehramtes vom Grundbesitz, vom Ackerbau, indirekt, durchs ein blödsinniges, verrottetes Zunftwesen auch vons der Ausübung des Handwerkes ausgeschlossenwaren die Bekenner des jüdischen Glaubens ge-k waltsam zum Handel gedrängt worden, und diesen bildete fast ihren einzigen Erwerbszweig. I Sonntag war es verboten zu hausiren, undz die Juden mußten zu Hause bleiben; dagegen strömten die Bauern ans allen umliegenden Dorfschaften ‘ nach Brauschitz, um Vormittags die Kirche, Nach-- Mittags das Wirthshaus zu besuchen, und da die durch Frohndienst und Robot schwer gedrückten! Bauern nur Sonntag freie Zeit hatten, benutzten sie diesen Tag auch, um alle Gegenstände, deren sie bedurften, einzukaufen, und pflegte sich Sonn-