Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 50 (10.12.1879)
- Date
- 1879-12-10
- Page
- – (sequence 8)
- Language
- German
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1328 ich Euch fragen, Herr Kanzler, ob eS denn recht und gut sei, daß spanische Gesetze so ohne weiteres in den Niederlanden angewendet werden dürfen?" „Mir ist der Fall noch nicht zu Gehör gekommen," entgegnete Granvalla, „und ich bin Euch dankbar, mein gnädiger Herr Graf, daß Ihr mich davon unterrichtet, zumal da dieser Joselin von RoSheim in besonderer Gunst bei unserem allergnädigsten Herrn, dem Kaiser, steht. Kehrt nur ruhig zum Hochzeitsmahle zurück; ich werde sofort Befehl erlheilen, daß dem Juden die Pforten des Kerkers geöffnet werden." Graf Egmont beeilte sich, der Braut seines Freundes die frohe Nachricht zu bringen. Unterdeß hatte Rabbi Joselmann fein karges Mahl bendet. Schon neigte sich die Sonne dem Untergange zu, als der Kerkermeister in Begleitung des Klosterpförtners erschien, um die Gefangenen in Freiheit zu setzen. Der Venetianiscke Gesandte am Kaiserlichen Hofe Carls des Fünften erzählt in seinen Memoiren, daß der Kaiser sowohl wie sein Minister Granvalla, Alles selbst erledigen wollten. „Dadurch," erzählt der Genannte, „entsteht eine Ueberhäufung der Geschäfte; in Folge dessen muß Jeder, Groß oder Klein, der bei der Kaiserlichen Regierung etwas anzubringen hat, lange Zeit vergebens harren, dis die Reihe an ihn kömmt." Auch Rabbi Joselmann erfuhr das. Er suchte um Audienz beim Kaiser nach, und diese wurde vorgemerkt. Aber drei volle Monate mußte er in Brüssel verweilen, ehe an ihn die Reihe kam, beim Kaiser vorgelassen zu werden. Rabbi Joselmann richtete sich deßhalb in Brüssel häuslich ein; sein Diener Jakob versorgte seine Küche und buck auch die Mazzoth für das herannahende Pessachfest. Rabbi Joselmann selbst aber widmete sich während dieser Zeit der Einsamkeit ausschließlich dem Studium der Thora. Hier in Brüssel schrieb er sein Werk „Derach ha Kodesch", das ist: Der Weg zur Heiligung. „In diesen drei Monaten", ^so erzählt Rabbi Joselmann in sein-m Tagebuche, „da ich frei war von allen Geschäften und einsam in meinem Gemache bleiben durfte, verfaßte ich ein Werkchen, das rch „Derach ha Kodesch" genannt habe. Welchen Genuß gewährten mir doch die Tage derVereinsamung und ich sprach in meinem Herzen: Heil jenen großen Männern der Vorzeit, die ihren ganzen Sinn und alle ihre Gedanken dahin richteten, sich fern zu halten von den Eitelkeiten der Welt und sich nur mit Gottes heiliger Lehre zu beschäftigen." DaS Werk, von dem Rabbi Josefmann hier spricht und das auch sein Enkel, der berühmte Kabbalist Rabbi Elijähu baal Schöm in der Vorrede zu seinem Sohar - Commentar als ein sehr bedeutendes und heiliges Buch rühmt, ist uns leider nicht erhalten. Nur ein kleines Bruchstück daraus wird in dem Werke „Joseph Omez" §. 18 mitgetheilt. Aber aus diesem Bruchstücke kann man schon auf die Größe und Erhabenheit des ganzen Werkes schließen. Wir wollen das erwähnte Fragment hier mittheilen: „Es schreibt der große Fürsprecher, Rabbi Joselmann von Rosheim, sein Andenken sei zum! Segen: „Willst Du so glücklich werden, Dich derart für Gott zu begeistern, daß Du das himmlische Joch vollkommen und ganz auf Dich nehmest, so versuche es. Dein Herz nur für eine kurze Zeit von Allem frei zu halten, daß Du den eisten Vers des Schemang (j/Dff) mit voller Andacht zu sprechen vermögest, und das versuche so oft, bis es Dir vollständig gelingt. Hast Du Dich nun daran gewöhnt, den ersten Vers des Schemang mit voller Andacht zu sprechen, so fahre in dieser Weise fort, bis daß Du im Stande seiest, dem ersten Abschnitte des Schemang dieselbe Aufmerksamkeit zu! widmen; gelingt Dir das, so versuche es, diese! vollkommene Andacht auf das ganze Schemang auszudehnen, und nachher auf Alles, was Du lesen und lernen wirst. Dann wird es Dir nach und nach gelingen, Dein ganzes Herz derart Gott zuzuj wenden, daß Du selbst dann keinen anderen Ge-! danken hast als Ihn, selbst wann Du mitten in! der Nacht erwachest — und so wirst Du Gunst s und gutes Verständniß finden in den Augen Gottes i und der Menschen." — Welch ein Werk muß das gewesen fein, das 1 solche Lebensregeln enthielt, und welch ein Mann, [• der diese Lebensregeln selbst an sich erprobt hat—v der seine großartige Wirksamkeit für das allgemeine ■ Beste seiner Glaubensgenossen für gering gehalten ' im Vergleich mit der ungestörten Hingabe an das Studium der Gotteslehre! (Fortsetzung folgt.) j Hier)« drei Beilage«. Verantwortliche Redactton: Dr. Lehmann in Mainz. — Verlag und Expedition des „JSraelit* große Bleiche 45. 3- Gottsleben'S Buchdruckerei (Mainzer Anzeiger). \ <1 ist B< W M seil net if[e' St wii d. 6 sch bei nis ein vo an Nr. 49, S. 1329 — 1334 folgen erst nach S. 1336.