Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 49 (3.12.1879)
- Date
- 1879-12-03
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1304 liche Gestalt; — sie hatte das bisher vor Fremden wohlverwahrte Geheimniß preisgegeben; sie hätte vor Scham in die Erde sinken, sie hätte am liebsten sterben mögen. Der Baron war im höchsten Grade überrascht, er erkannte, daß seine Tochter Bollwitz liebe, aber in dem Momente, in welchem so Vieles unerwartet über ihn gekommen, konnte er sich nicht rasch genug ein Urtheil bilden, wie er die Verhältnisse aufnehmen sollte. Bollwitz hatte des Kaisers Wohlgefallen erregt, würde möglicherweise bald sein Günstling werden; aber Pellwald konnte ja nicht wiss n, ob der Monarch nicht von seinem Sekretär, der doch sorrwahr-nd in seiner Nähe weilen, dem er seine tief,len Geheimnisse anvertrauen wollte, nicht Ehelosigkeit forderte, er konnte vorläufig in seinem wirbelnden Gedankenchaos zu keinem Resultate gerangen. D»e Baronrn wäre sehr erfreut gewesen, ihre Stieftochter, deren aufblühende Schönheit sie selbst verdunkeln konnte, auö dem Hause, aus ihrer Nähe entfernt zu sehen, allein sie mißgönnte Anna und Bollwitz das Glück — und sie erwog eben, ob der BoitheU, der ihr aus dieser Verbindung ihrer Stieftochter entstehen konnte, sie veranlassen sollte, ihre niedrigen, kleinlichen Racheplane aufzugeben. — Bollwitz schien es, als wäre er in dem Momente für olles, durch Jahre enlbehrte Levensglück für seine bisherige Freudelosigkeit reich entschädigt worden; seinen Fähigkeiten bot sich ein neues, schönes Held ersprießlicher Thätigkeit, er war urplötzlich seiner drückenden Lage, seiner beschämenden Abhängigkeit entrissen; und nun hatte auch das Mädchen, das er liebte, es offen und in zweifelloser Weise dargelegt, daß sie sich ihrer Neigung zu dem Krüppel nicht schäme, sie halte sie offen vor ihren Eltern vor dem höchsten Herrn hier auf dieser irdischen Welt, vor dem römischen Kaiser, vor dessen Begleitern, allgemein bekannren, hochgepellten Cav^lieren ausgesprochen, ein freudiges Entzücken durchbebte ihn und unwillkürlich entschlüptte es seinen Lippen: „O! Anna, Du herrliche!" Auch wer kein so scharfblickender Geist und echter Menschenkenner, wie Kaiser Josef war. mußte wfort den Sachverhalt erfassen, und mit einem liebenswürdigen Lächeln sprach er: „ES freut mich liebes Kind, daß meine Maßnahme auch Ihren Beifall findet. Ich will mir den neuen Hauptmann ein Jahr lang etwas näher ansehen, gefällt er mir, wie ich hoffe, und kann ich ihn zum Major avanciren lassen; so ist mir'S ganz recht, d^ß er sich eine hübsche brave Majorin sucht, uno wenn die junge Baronneffe Pellwald — ich glaube eben jetzt gehört zu haben, daß sie Anna beißt — über den Umstand wegsehen will, daß Herr von Bollwitz seinen linken Arm im ehrenvollen Kampfe für sein Vaterland verloren, — dann wird vielleicht Kaiser Josef auch dem Baron Pellwald und dessen Gemahlin, als Brautwerber feines SecretärS nicht unwillkommen fein." „Euer Majestät!" „gnädigster Herr und Fürst!" „angebeteter Monarch!" „welche Huld, welche Gnade!" riefen Bollwitz, Anna, der Baron und dessen Gemahlin bunt durcheinander. Plötzlich wurde diese Scene, überdies in sonderbarster Weise unterbrochen. Der Bediente war im Aufträge des Barons und des Oberamtmanns fortgestürzt, um den Amtsdiener Klaus zu requiriren und ihm den Befehl zu ertheilen, auch die Ortsbauern mit Heugabeln und Sensen wohlbewehrt aufzubieten, um die zwei hochverratherischen Banditen, die sich am Hellen lichten Tage in den Schloßgarten, in der unmittelbarsten Nähe der gnädigen Herrschaft befanden, zu verhakten. Klaus, der des Sonntags wegen, müffig herumlungerte, hatte zwei Fremde von dem Juden Leipnik geführt, in den Schloßgarten eintreten sehen, und war nicht wenig erstaunt, daß gerade diese so anständig aussehenden Männer, sich urplötzlich als höchst gefährliche Mitglieder der menschlichen Gesellschaft entpuppten. Nun war Klaus ein höchst beherzter, tapferer Mann — wenn es sich um die Verhaftung eines halbverhungerten Bettlers, eines furchtsamen Bauern, der eine Stunde zu spät zur Arbeit anlangte, oder eines armen wandernden Hausirjuden handelte, der das entsetzliche Verbrechen begangen, etwa durch Unwohlsein veranlaßt, oder von einem heimtückischen boshaften Spaßmacher absichtlich verleitet, noch bei Anbruch der Nacht in einem jener Städtchen betroffen zu werden, in denen den Bekennern des einig-einzigen Gottes der Aufenthalt nur bis Sonnenuntergang gestattet war. Solchen Individuen gegenüber entwickelte Klaus einen an die homerischen Helden gemahnenden Muth; — aber die seltene Species der Hochverräther war ihm in seiner vieljährigen Praxts noch nicht vorgekommen, und da diese nach den deutlich ausgesvrochenen und von dem Bedienten Lukas vollinhaltlich mitgetheilten Anschauungen des neuen Oberamtmanns ohne Zweifel mit Schieß- und Stichwaffen versehen sein mochten und nur durch Uebermacht erdrückt werden konnten, so war seine Kampfesgluch bis weit unter den künstlichen Gefrierpunkt herabgesunken, und er hatte zuerst ein stattliches Corps von Bauern aufgeboten, welche er durch seine feurige Ansprache und mehr noch durch einen deutlichen, nicht mißzuverstehenden Fingerwink auf zu erwartende Naturalgratisication an Bier, Schinken,