Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 39 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- – (sequence 20)
- Language
- German
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1058 die 7, 10 und 15 Jahre dieselbe Ortschaft bewohnen) geglaubt hatten, ohne Paß reisen zu können, sind arretirt und unter Bedeckung, oft mit Ketten beladen, immer zu Fuß, in brennender Hitze oder strömendem Regen, zuweilen eine Strecke von 20 Meilen, zu dem Polizeischef von Jassy gebracht worden, wo sie ohne weiteres in's Gefängniß geworfen , allerlei Mißhandlungen ausgesetzt sind und selbst nicht zu essen bekommen, wenn sie nicht etwas Geld haben oder die Barmherzigkeit der Glaubensgenossen ihnen nicht zu Hilfe kommt. (28. Juli u. 1. August.) „Ich habe mit meinen eigenen Augen, sagt eine Person aus Jassy, solche Gefangenenzüge gesehen; ohne Zweifel gab es einige russische Deserteure darunter, aber ebenso viele fleißige Handwerker, die seit 7. 10 und 15 Jahren im Lande ansässig sind .... Nichts Herzzerreißenderes, als das Geschrei der Frauen und Kinder, denen die administrative Willkür ihre Männer und Väter, ihre einzigen Stützen entriß". Unter den Ausgetriebenen von Focschani befinden sich Leute, welche seit 30 Jahren dort wohnen. Alle, ohne Ausnahme, hatten rechtmäßige Beschäftigungen, fast alle waren Handwerker. (31. Juli.) Israeliten, welche in den leeren Räumen der Gemeindeschulen Obdach gefunden, wurden in der Nacht fortgeschleppt; es gab darunter Greise von 60 bis 80 Jahren; man nahm nicht die geringste Rücksicht auf ihr Alter; Kranke haben vergebens gebeten, daß man sie den Weg zu Wagen oder auf der Eisenbahn zurücklegen lasse; mehrere sollen theils den Beschwerden des Weges, theils den Mißhandlungen der Escorte erlegen sein. Nach 10 oder 12 Tagen Haft werden die einen entlassen, die anderen zu neuer Gefängnißstrafe von 10 bis 12 Tagen verurtheilt, andere von der Gendarmerie an die russische Grenze gebracht, wo es oft vorkommt, daß die russische Behörde sie nicht annehmen will. Der größte Theil der wegen Mangel eines Passes verhafteten Handwerker und Hausirer hätten sich sicher mit einem Paß versehen, wenn die Polizei hierbei nicht jede Art von Schwierigkeit machte; der Paß genügte übrigens nicht immer: österreichische Handelsleute, die in Geschäften nach Focschani gekommen waren und ihre Papiere vollkommen in Ordnung hatten, sind trotzdem ausgewiesen und als Vagabunden unter Escorte zrrückgeführt worden. Unter den nach Jassy gebrachten Vagabunden bemerkte man einen Israeliten, dem der Bart verbrannt war; es war ein gewisser Moses sin Leid. 45 Jahre alt. in Jassy geboren, Hebräisch- Lehrer, verheirathet, Vater von 4 lebenden Kindern; derselbe war im vergangenen Winter, da es ihm in Jassy nicht glücken wollte, nach Dorohoi gegangen, wo er Anfangs Juli als Vagabund arretirt und unter Escorte mit 10 anderen Israeliten zu Fuß nach Bottosani und Jassy fortgeführt wurde. Als er in letzterer Stabt in der Nacht ankam, wurde er im Polizeisaal des Regiments Kalarasch eingeschlossen; hier weckten ihn 2 Soldaten in der Mitternacht auf, indem sie ihn bei den Haaren faßten und ihm unter lautem Lachen mit ihrem Lichte den Bart anzündeten. Am andern Tage cor.statirte die Polizei, daß er wirklich aus Jassy sei, und entließ ihn. — Ein siebzigjähriger Greis, der Rabbiner Leib Schomer Schabat aus Nadworna bei Kolomea (Galizien) hatte in Begleitung von 2 Bedienten mit eigenem Wagen und eigenen Pferden eine kleine Reise nach Rumänien unternommen; in Vaslui arretirte man sie trotz vollkommener Richtigkeit ihrer Pässe; sie wurden unter Eöcorte nach Jassy geführt, nach 14tägiger Haft ohne jede Proceßverbandlung als Vagabunden erklärt und am 3. August mit Ketten beladen zu Fuß an die österreichische Grenze rransportirt. — Ebenso wurden der Rabbiner Salomon Birnbaum aus Bajan bei Sadajovo (Bucovina), 50 Jahre alt, und sein Diener Beril Sucher, 35 Jahr alt, in Jassy eingesperrt; man arretirte sie bei Husi, obgleich ihre Papiere noch auf 2 Monate gültig waren. — Bis jetzt wurden mehr als 100 Personen über Jassy aus dem Lande vertrieben; viele sind noch im Gefängniß, und man bringt noch täglich neue ein. Das C.-Comitä besitzt die im Bahnhöfe von Ajud aufgenon mene und in dem „Extrablatt" von Wien, 22. August, wiedergegebene Photographie von 26 Ende Juli aus Focschani ausgetriebenen Personen. Trotzdem hat H. Callimachi Catargi, diplomatischer Agent für Rumänien in Paris, in einem an die Times gerichteten und vom Journal des Debats vom 23. August wiedergegebenen Schreiben versichert, daß nicht mehr als zwei Israeliten aus Focschani ausgetrieben worden seien. Wir geben hier eine Liste von 21 ausgetriebenen Personen, indlm wir bemerken, daß es äußerst schwierig ist, solche Listen zu entwerfen und noch schwieriger, sie sich zu verschaffen. (Folgt die Liste) (Fortsetzung folgt.) Feuilleton. Kabbi Ioselmarm von Kosheim. Eine historische Erzählung. (Zweites Buch.) vin. Wir müssen uns noch cin wenig in Bezug auf die großen, weltgeschichtlichen Ereignisse orientiren,