Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 38 (17.9.1879)
- Date
- 1879-09-17
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
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XX. Jahrgang. Zweite ßcilttijt ju tlr. 38 des Israelit. I 14 if L eirendep Artikel Ueologe Anschauungen über Hottes Wort. In der ^Uevue de LelAigue^ veröffentlicht Herr Grand-Rabbin Astruc zu Brüssel einen Artikel La morale de Moi'se“, den wir nicht etwa deshalb der Beachtung für werth halten, weil wir die darin enthaltenen Meinungen und Lehrsätze, die fast sämmtlich zu den heiligsten Lehren des Iudenthums im krassesten Gegensatz stehen, für geeignet erachteten, auch nur einen gesetzestreuen Israeliten zum Abfall zu bewegen oder weil der qu. Artikel viel Neues und Ueberraschendes brächte — nein, dazu sind die Ausführungen einerseits zu phrasenreich und ohne jeden logischen Beweisesversuch, andererseits betreten sie allzusehr den breit ausgetretenen Weg des Negirens — sondern wir kommen deshalb heute ausführlich auf dieses Elaborat zu sprechen, weil cs unserer Anficht nach doch noth thut, die Maske herabzuziehen von dem Antlitz dieser Biedermänner, die sich Gesetzeslehrer , Rabbiner nennen, und unter diesem Deckmantel die falsche Münze ihres Wahnglaubens für das echte Gold der Wahrheit iu Umlauf zu setzen suchen. — Die Ueberschrift bereits belehrt uns in ausreichender Weise darüber, daß der Verfasser die im Pentateuch niedergelegten Vorschriften nicht als göttliche Willensmeinung auffaßt, daß er die zehn Gebote nicht als Offenbarung behandelt, kurz daß ihm alle göttliche Gesetze nichts sind, als eben — die Moral des Moses; nicht mehr bedeuten als das Gesetzbuch der Inder und Perser auch, und daß daher jeder den Maßstab seiner Kritik an alle Anordnungen legen, dieses loben, jenes bekritteln könne — wie es ihm eben paßt. In der französischen Deputirtenkammer, so führt Herr Astruc aus, habe am 9. Januar 1873 Duvariloup die Moral, wie sie im Pentateuch sich findet, als die herrlichste bezeichnet, und erklärt, ihre Befolgung würde die Menschheit erheben und beglücken. — Dagegen habe jüngst in dem belgL schen Abgeordnetenhause ein junger Redner gesagt, man müsse annehmen, daß das von Moses gelehrte Gesetz nicht von Gott stamme, nicht einer Offenbarung ihr Dasein verdanke. Moses habe die Moral unter dem Gesichtspunkt seiner Epoche aufgefaßt, er habe die Stimme seines Gewissens für Gottes Wort ausgegeben, und wenn seine Lehre dem abergläubischen und unwissenden Volk der Juden genügt habe, dessen Anführer er gewesen , so könne sie doch für uns nicht ausreichen , da sie weder die Bestrebungen noch die Bedürfnisse unserer Zeit befriedigten." Zu! untersuchen, wer von diesen beiden Recht hat, der die hehre Schönheit des Pentateuchs preisende sranzos. Bischof oder der dieselbe negirende belgische Abgeordnete, das hat Herr Astruc sich zur Aufgabe gestellt. Er will die Vortrefflichkeit der von Moses gelehrten Moral darlegen und glaubt versichern zu können, daß alsdann jene Lehren allen Unparteiischen als nicht unwürdig unserer heutigen Zeit erscheinen werde n." Diese letzten Worte zeugen von so außerordentlich großer Bescheidenheit des Herrn Verfassers, daß wir uns jeder weitern Bemerkung darüber füglich enthalten könnten. Das Dictum: „Die Moral des Moses ist unserer Epoche nicht unwürdig, soll doch augenscheinlich nichts anderes heißen, als daß Herr A. sie für so groß und schön hält, daß er, der vom Geiste des neunzehnten Jahrhunderts so sehr erfüllte Grandrabbin eingestehen muß, er selbst habe keine herrlichere Sittenlehre verfassen können. In der That, welche Selbstverleugnung ohne Gleichen!! — „Dann, so führt Herr A. fort, werden wir den Grundcharakter der mosaischen Moral untersuchen und vielleicht zu zeigen vermögen, daß diese große Moral, die der Pentateuch selbst (der zwar die! Sache, nicht aber das Wort ausspricht) für unab-; hängig erklärt, vollständig frei ist von jedem j ansschließenden Dogmatismus, und daß sie, seinem . Urheber zufolge, — wie die moderne Moral den! heutigen Denkern gemäß — ihre ewige Basis im! menschlichen Gewissen findet." — Hierzu haben wir! vor allem zu fragen, wo der Pentateuch die ihm , zugeschriebene Ansicht vertritt. Die auf der folgenden Seite von Herrn A. angezogene, ganz falsch interpretirte Stelle V. Buch Moses Kap. 30, V. 11 und folg, vermag dazu keinen Beleg zu liefern. Zwar haben wir Herrn Astruc keine allzu große Kenntniß der Bibelerkärer zugetraut, das aber dürfte man erwarten, daß, ehe er einen Satz angesichts eines bedeutenden Leserkreises seinen