Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1879-09-17 · Heft 38 (17.9.1879) · page 11

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 38 (17.9.1879)
Date
1879-09-17
Page
– (sequence 11)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447797-2447835--16677-2472671
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

1027 aber —" sie schob einen Sessel herbei und ließ sich in demselben nieder und nahm beide Hände der sie verwundert anblickenden Freundin. „Grerchen — Miß Lenz faßt James zu Dir — wie sonderbar, daß wir Dich roch immer so nennen, obgleich doch jetzt kein Grund mehr vorhanden, daß Du Deinen wirklichen Namen verleugnest — aber es würde mir ganz seltsam Vorkommen, auf einmal Jakobine Dich zu nennen und wenn James Miß Grünfeld zu Drr sagen würde, müßte ich beständig an Mr. Green denken. — Ist denn Dir die Aehnlichkeit Eurer Namen noch nicht ausgefallen? Green und Grünfeld?" „Nein", erwicderte Jakobine „ober Mr. Green's Organ hat mich sehr oft schon an meinen Onkel Benjamin erinnert." „Und weißt Du denn nicht, daß Du Mr. Green auffallend ähnlich siehst?" „Ist das Dein Ernst?" rief Jakobine staunend, , „Dein Schwiegervater sprach anfangs davon, ich aber nahm diese Behauptung für Scherz. Doch > ich begreife nicht —" ' , „Das kannst Du auch nicht", fiel Betti lachend j ein, „ich muß deutlicher sprechen — weiß ich doch , selbst nicht, warum ich es bisher noch nicht gethan , — es rst doch eine so schöne, so glückliche Nachricht, die ich Dir zu übermitteln habe —" „Betti —" „Nein, Gleichen, Du mußt ruhig bleiben und hören, was ich Dir zu sagen habe. — War es Dir nicht neulich, an dem Tage, an dem Mr. Green hier ohnmächtig wurde, war es Dir damals nicht auffallend, daß James Dich aufforderte, ihm Näheres über den angeblichen Tod Deines Vaters mitzutheilen? —" Sie hatte das Wort angeblich in einer Weise betont, daß Jakobine sie befremdet anstarrte. — „Ueber den angeblichen Tod meines Vaters —" wiederholte sie — „ich —" „Du verstehst mich wieder nicht, nun freilich nicht — aber —" „Sprich! — sprich! —" murmelte Jakobine, „Du spannst mich auf die Folter —" „Armes Kind! — Nein, reiches Kind! — Du hast ja Alles, was ein Kind nur wünschen kann." „Betti! - " , „Ja, ja, ich sage Dir schon Alles — rasch! und kurz. — Also vernimm, jenes Portefeuille, j von dem Du erzähltest, daß es bei einer ange- > schwemmten Leiche gefunden worden — und in dem I sich der Namenszug Deines Vaters und das Pori trat Deiner Mutter befanden — es war Deinem! Vater entwendet worden." , Ein schriller Laut entrang sich Jakobinens j Lippen. „Großer Gott! — woher weißt Du's?—" I „Von Steinern Vater — aus seinem eigenen! Munde —" 1 „Mein Vater lebt!" schrie Jakobine, „mein Vater lebt! — wo? — wo? — Vater! — Vater! —" Da ward die Thür aufgeriffen. „Mein Kind! Mein Kind!" Mit ausgebreiteten Armen stürzte Mr. Green in's Zimmer und Jakobine sank laut weinend an die Brust ihres Vaters — Nach zwanzig Jahren zum ersten Mal drückte! der Vater seine Tochter an sein Herz. Und was nun folgte? — Wir sollen es berichten? — Die Erzählung soll ausiönen? — Alle Diejenigen, für die der freundliche Leser dieser Blätter sich hoffentlich interessirt, weilen noch unter den Lebenden, und nach dem Ausspruch jenes griechischen Weisen sollte man Keinen vor seinem Tode glücklich preisen — dennoch glauben wir dieses in Bezug auf die Familie Grünfeld wagen zu dürfen. Die lang getrennten Gatten sind längst vereint und erfreuen sich des reinsten, höchsten Glückes — denn auch ihr Kind ist glücklich. Weit rascher als selbst ihre Freunde es für möglich gehalten, hatte Jakobine in dem Glücke der Wiedervereinigung ihrer Eltern das Mißgeschick ihrer ersten Liebe verwunden. Mr. Rosenblüh hatte zwar die Unverschämtheit, die Hand der Tochter des reichen Mr. Green allen Ernstes für sich in Anspruch zu nehmen und , als er gebührend abgewiesen, hatte er den Versuch j gemacht, für dkd Uebergabe des Scheidebriefes! einen möglichst hohen Kaufpreis zu erzielen. Doch; Mr. Green wollte sich mit dem Schurken nicht so j rasch in Verhandlungen einlassen; er hatte die j Angelegenheit einigen talmudischen Gelehrten zur j Entscheidung übergeben und nachdem diese Alles! sorgfältig untersucht und geprüft, hatte sich auch > herausgestellt, daß der eine jener Elenden, die als j Zeugen bei der Uebergabe des Ringes sizurirt. in j einer christlichen Restauration seine Mahlzeiten j einzunehmen pflegt, während sein College, als no- , torischer Taschendieb schon wiederholt mit den Bei Hörden in Conflict gerathen waren. Die erwähnten Gelehrten erklärten die Zeugenschaft dieser beiden Ehrenmänner ungiltig und bedurfte es somit keiner weitern Erwägungen. Jakobine war frei! Noch einen letzten Versuch machte Arthur Kohn, das Mädchen, das er in Wirklichkeit liebte und deren Hand ihm demnach auch religiös nicht verboten war, aus's Neue zu erringen. Doch Jakobine hatte feine wahren Gesinnungen kennen gelernt und ließ sich nicht bewegen. Bald darauf reichte sie ihrem Önkel Benjamin ihre Hand und lebt jetzt als glückliche Gattin an seiner Seite.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.