Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 37 (10.9.1879)
- Date
- 1879-09-10
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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993 diese alte ersetzt; die Aussegnung der Wöchnerin dürfte nicht ganz genügen, die Anwesenheit des Kindes scheint gleichfalls erforderlich, und der Anfang dazu könnte mit den Mädchen gemacht werden, dann würde allmählich, wie die Confirmation die Bar-Mizwah-Allfanzerei, so auch die neue Form die Beschneidung verdrängen." Was nicht von Rabbinerhänden geleitet und ins Werk gesetzt wird, ist Allfanzerei, die religiös bürgerlichen Acte des Judenthums sollen in die Hände der Rabbiner gelegt werden, rabbinische Aussegnung der Wöchnerin, Aufnahme der neugebornen Mädchen und Knaben ins Judenthum, Confirmation, Alles geweiht durch rabbinischen Segensspruch, Las find die Etappen zur Hierarchie; auf welcher Seite ist da die Allfanzerei? Noch schärfer spricht sich aber G. über die Beschneidung in einem Briefe an Zunz aus; der Brief wirft ein so charakteristisches Licht auf die Zerstörungswuth der reformistischen Thätigkeit wie auch auf den Fanatismus derselben, und die Antwort ist so hochinteressant. daß wir hier auf beide Briefe näher eingehen müssen. Zunz hatte in einem Aufsatze das Tefillinlegen behandelt und dieses als einen Act dargestellt, welcher dazu geeignet sei, Herz und Gemüth zu erheben, er hatte also uachgewiesen. von welcher Wichtigkeit die Ausübung des Tefillingebotes für den Juden sei. Dann war Zunz in einem Gutachten gegen den Berliner Reformverein mit Wärme für die Beschneidung eingetreten und hatte diese als den Grundnerv des Judenthums hingestellt. Das waren Aeußerungen, die G. sehr verstimmten; eine hochachtbare Autorität wie Zunz, selbst der Reformrichtung angehörend, sollte Sätze aussprechen, die so ganz und gar über das Treiben der Stürmer den Stab brechen! Dieser Verstimmung gibt G. nun in einem Briefe an Z. vom 19. 3. 45 Ausdruck. Er schreibt: „Zuerst kam jener Aufsatz im Wiener Kalender, die Fruchtbarkeit des Tefillinlegens erbaulich entwickelnd; ich habe Ihnen, wenn ich nicht irre, schon früher meine Verwunderung über diesen Aufsatz ausgedrückt. Daß eine jede Ceremonie eine tiefere Bedeutung aufnehmen kann, daß sie von einer solchen nicht ganz leer ist, ist ohne Zweifel: aber sollte diese, die auf eine falsche Erklärung von Bibelstellen sich stützend rein im Amuletnnwesen ihre Anknüpsungspunkte hat, unserer ganzen Anschauungsweise, dem gebildeten und ästhetischen Sinne ganz fremd ist, wirklich fruchtbar werden können? Das Todte bleibt todt, der Geist, der ehedem darin war, wirkt in anderer Weise und unter anderen Formen fort; aber es selbst wieder wecken wollen ist ein vergebliches Bemühen und würde, wenn es Erfolg hätte, nur traurige geisttödtende und entsittlichende Folgen haben. — Darauf folgte das Gutachten über die Beschneidung. Ich war mit dem Reformverein nicht einverstanden; er war in seinem Streben nicht klar, in seinen Aeußerungen nicht redlich genug, und statt auf besonnenem Wege für die Gesammtheit nicht in so raschen Sprüngen zu wirken, griff er mit der Beschneidung Dasjenige an, was immer noch als Grundnerv des Judenthums betrachtet wurde, dessen er aber nicht Wort haben wollte, sonst jedoch die Dinge müßig angaffend. Allein mit solcher Entschiedenheit für die Bescheidung Partei zu nehmen, weil sie stets in so großem Ansehen stand und noch steht, ich muß gestehen, das vermag ich nicht. Sie verbleibt ein barbarisch blutiger Akt, der den Vater mit Angst erfüllt, die Wöchnerin in krankhafte Spannung versetzt, und das Opferbewußtsein, das sonst dem Akte ein Weihe gab, ist doch nun einmal bei uns geschwunden, wie es denn als ein rohes auch keine Befestigung verdient." Nachdem uun G. sich so freimüthig über den „barbarischen Akt" der Beschneidung, den der Reformverein, „statt auf besonnenem Wege vorzugehen", ohne Weiteres angriff. geäußert (die Pastorale Klugheit guckt überall hervor!), fährt er fort, sich über die ablehnende Stellung, die Z. den Reformhelden gegenüber einnimmt, zu beklagen: „Und die Stellung, die Sie übe.haups den Reformen gegenüber.einnehmen!" . . . „warum also die Bitterkeit gegen das scharf einschneidende Wort? .... „Und Sie mit Ihrer Geistesfrische sollten sich mit einem Male gegen das wogende Geistesleben abstumpfen, Sie sollten in der Vergangenheit nicht lediglich die Geschichte des Geistes, sondern auch die Norm für unsere geistige Thätigkeit erkennen! Es war dies eine Erscheinung, die mich tief schmerzte; ich beklagte den Verust eines Mannes für das immer kräftiger sich regende Streben , eines Mannes wie Zunz, ich beklagte die Möglichkeit, daß auch der frischeste Geist zu einer gewissen Zeit sich abschließe, mir bangte, offen gesagt, vor mir selbst. Und nun kamen noch Privatnachrichten hinzu, Sie hätten mit einem Male streng koschere Wirtschaft eingeführt und was daran hängt. Ich ehre Rücksichten, die man im Leben zu beobachten hat, und würde, wenn Sie dies! etwa in Ihrer Stellung als Seminardirector unter den Verhältnissen, wie sie nun einmal sind, für angemessen erachteten, nichts Befremdliches darin! finden; aber es wurde hinzugefügt. Sie hätten dies« principiell, nicht wegen ihrer Stellung notwendig,ß man müsse einziehen, sich an das Bestehende an-ß klammern u. dergl. Da kann ich mich nun freilich« nicht wieder hineinfinden. Gerade jene Speisege-8 setze sind so etwas durchaus Geistloses u. s. w." 8