Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 32 (6.8.1879)
- Date
- 1879-08-06
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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854 zwungen durch die Gluth, die in seinem Blicke lag — hob sie den ihren — Und als der erste Taumel des Entzückens vorüber, da saßen sie noch lange neben einander, Auge in Auge und machten Pläne für die gemeinsame glückverheißende Zukunft. Der Glockenschlag der Pendule erinnerte Jakobine an die vorgerückte Stunde. „Arthur", sprach sie sich erhebend, „verzeih', daß ich zuerst an's Aufbrechen denke. Aber es wird spät, Du mußt mich heute verlassen." „Du schickst mich fort", entgegnete er lächelnd, indem er sich erhob, „aber morgen darf ich wieder kommen, morgen erlaubst Du, daß ich mich Mrs. Goldsmith als Deinen Verlobten vorstelle." Was hätte sie dagegen einwenden sollen? — Jakobine begleitete ihn bis zur Thür und dann stand sie noch lange da und lauschte mit angehaltenem Athem La glückstrahlendem Lächeln den sich entfernenden elastischen Schritten — und als diese endlich verhallt, da eilte sie hinüber in ihr eigenes Zimmer, schloß die Thür und schob den Bachtnegel vor — sie wollte allein sein, wollte heute Niemanden mehr sehen. Sie warf sich in ein Fauteuil und schloß die Augen und durchlebte in Gedanken noch einmal die verflossenen glückseligen Stunden — ihr ganzes Sein erhob sich in Dank gegen Gott. — Hätte sie es nur wagen dürfen, die Mutter von ihrem Glücke zu benachrichtigen — hätte ihre Verzeihung erflehen können — ihr wäre kein Wunsch mehr geblieben. Doch sie glaubte, es nicht wagen zu dürfen, sich an die Mutter zu wenden, so lange jener Makel — Da ward sie unterbrochen in ihrem Sinnen, es klopfte an der Thür. Erschrocken fuhr sie auf. Abermaliges Pochen. „Gretchen! Gretchen!" Jakobine eilte herbei und schob den Riegel zurück, ihre Freundin stand vor ihr. „Was gibt's denn, Gretchen?, wir haben umsonst auf Dich gewartet." „Ich fürchtete, Euch zu stören" erwiederte sie verwirrt. „Du hättest uns nicht gestört — aber es hat beinahe den Anschein, als hätte ich Dich gestört. — Was hast Du denn, Du seltsames Kind? Du siehst ja ganz verklärt aus und dennoch sehe ich Spuren von kaum getrockneten Thronen —" Da neigte sie sich zu der treuen Freundin und flüsterte ihr Glück und ihre Hoffnung ihr zu. Und Betti nahm den innigsten Antheil. Doch mitten in ihren Glückwünschen unterbrach sie sich selbst. „Ah, ich hätte beinahe vergessen, weßhalb ich gekommen. Gretchen, Glückskind! schau her, was ich Dir da bringe — mein Angebinde zu Deiner Verlobung." „Was ist das? ein deutsches Zeitungsblatt?" „Die Norddeutsche Zeitung vom vorigen Monat. Komm rasch und lies." Sie zog die Andere zum Tische und deutete auf eine mit Bleistift unterstrichene Stelle in dem Zeitungsblatt. Jakobine las: „St.... 2. Februar. Einer unserer nobelsten Cavaliere, Graf Günther v. Waldenser, ist dieser Tage von einem ernsten Unfall betroffen worden. Bei einer Jagd auf seinem Stammsitz Waldensee ist sein Pferd mit ihm gestürzt und der Graf liegt nahezu hoffnungslos darnieder. Trotz seines höchst schmerzhaften gefahrdrohenden Zustandes bestand der edle Cavalier darauf, eine Gerichtsperson zu empfangen und derselben eine Mittheilung zu machen, die ihm, dem Grafen selbst wenige Stunden vor seinem Unfälle geworden. „Die Mittheilung betrifft eine junge Dame, Mündel der verstorbenen Gräfin Waldensee. Dieselbe hat trotz ihres makellosen, unschuldsvollen Lebenswandels das Unglück in den Verdacht zu gerathen, sie hätte die Familiendiamanten der Verstorbenen entwendet; dieselben wurden nämlich unter ihren Effecten gefunden. — Trotz ihrer Unschuld, oder vielleicht eben wegen ihrer vollkommenen Unschuld war Fräulein von Thalheim, dies ist der Name der Betreffenden, nicht im Stande das Getriebe der gegen sie gerichteten Jntriguen zu entlarven und sich des auf ihr haftenden Verdachtes zu erwehren. „Trotz ihres reinen makellosen Vorlebens, trotzdem ein Jeder, der die junge Dame kannte, von ihrer Unschuld überzeugt war, ward sie verhaftet. Ihre Freunde, außer Stande, ihre Freisprechung zu erwirken, beschränkten sich darauf, ihre Flucht zu vermitteln. Eines Tages war Fräulein von Thalheim aus ihrer Haft verschwunden. „Den unablässigen Bemühungen und Nachforschungen ihrer Freunde, namentlich des Grafen Waldensee ist eS jedoch endlich gelungen, die klarsten Beweise ihrer Unschuld zu erlangen und sie dem Gerichte vorzulegen. „Wenige Stunden bevor oben erwähnter Unfall den Grafen getroffen, war es ihm nämlich gelungen, einem seiner Untergebenen, einem heimlichen » jedoch abgewiesenen Verehrer der blendend schönen jungen Dame das Geständniß zu entlocken, daß derselbe mittelst Nachschlüssel sich der erwähnten Pretiosen bemächtigt und dieselben ohne Wissen der fälschlich Beschuldigten unter ihre Effecten zu verbergen gewußt. „Man vermuthet, daß die mit dieser Entdeckung verknüpfte Aufregung den Grafen an die gewöhn-