Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 31 (30.7.1879)
- Date
- 1879-07-30
- Page
- – (sequence 6)
- Language
- German
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818 uns hier darüber gewordenen Andeutungen, mit ein paar Worten der Unordnungen gedacht, deren Schauplatz kürzlich die Stadt Karlowa in Ost- Rumelien gewesen. ES ist mir natürlich unbekannt, ob Sie seitdem nicht vielleicht auf direktem Wege Näheres und Genaueres über diese Vorgänge in Erfahrung gebracht haben. Was mich betrifft, so werden mir soeben amtliche Berichte und Privatbriefe aus Philippopel zur Einsichtnahme milgetheilt, aus denen hervorgeht, daß jene Unordnungen einen unleugbar höchst bedenklichen Charakter hatten und eine Tragweite besitzen, die sie ganz geeignet macht, die ernste Aufmerksamkeit jener Mächte auf sich zu ziehen, die, indem sie ihre Unterschrift dem Berliner Vertrage beisetzten, von der aufrichtigen Absicht geleitet waren, Ruhe und Ordnung in der Türkei wiederherzustellen und neuen Verwicklungen die Wege zu sperren. Es ist heute in aller gebührenden Form dargethan, daß die Localbehörden von Karlowa den gewalithätigen Ueberfall, dessen Opfer die iSr. Emigranten bei ihrem Versuche, in diese Stadt heimzukehren, seitens ihrer bulgarischen Landsleute wurden, vo> bereitet und organisirt haben. Die unglücklichen Flüchtlinge kamen unter Führung eines Delegirten des Barons Hirsch, des Herrn Veneziani, der beauftragt war, sie in ihren Häusern zu installiren und für ihre ersten Bedürfnisse zu sorgen, nach Karlowa zurück. Bevor Herr Veneziani Philippopel verließ, hatte er die Zusicherung erhalten, daß diese Familien bei ihrer Ankunft an Ort und Stelle einen freundlichen Empfang finden würden. Wie derselbe ausgefallen ist, wissen Sie. Kaum, daß sie die Stadt betreten hatten, wurden die unglücklichen Israeliten von der bulgarischen Bevölkerung angegriffen, die sich unter wilden Flüchen und Todesdrohungen auf sie stürzte. Diejenigen ihrer Häuser, in die es ihnen gelungen war sich zu flüchten, wurden mit einem Steinhagel beworfen, und der Pöbel bezeigte nicht übel Lust, dieselben in Brand zu stecken. Herr Veneziani, der sich selbst in einem dieser Häuser mit ein paar Familien eingeschlossen hatte, mußte dort eine regelrechte Belagerung seitens der wüthenden Menge auShalten. Während dieser Zeit suchten die Notablen des Ortes die Karren. mit welchen die Emigranten gekommen waren, wieder fortzuschaffen, um diese jedes Mittels zu einem allfälligen Rückzug zu berauben. Sie boten den Fuhrleuten Geld, und nur dadurch, daß Herr Veneziani sie überbot,! gelang es ihm, die Wagen zurückzuhalten. Sein j eigenes Leben ist mehr als einmal in Gefahr ge- > wesen. Was die Localbehörden betrifft, so ließen! sich diese nirgends blicken. Sie waren und bliebeu! verschwunden, und nur Dank dem Muthe und der! Energie des Herrn Veneziani, sowie dem Gelde das er mit vollen Händen ausstreute, gelang es, die unglücklichen Juden wieder aus der Stadt und auf die Straße nach Philippopel zu bringen Mehrere von ihnen, darunter drei Frauen waren schwer verwundet worden. Diese gewaltthätigen Scenen hatten sich gleich zeitig auch auf andern Punkten Ost-Rumeliens bei der Rückkehr der muselmanischen, israelitischen und griechischen Emigrirten ereignet. Allerwärts verbrennen oder demoliren d«e Bulgaren die diesen Unglücklichen gehörigen Häuser, um ihnen die Heimkehr unmöglich zu machen. Es scheint bei ihnen festbeschlossene Sache zu sein, mit allen er deutlichen Mitteln Jeden, der nicht National-Bulgare ist, von Ost'Rumelien auszuschließen. Au den Bericht des Herrn Veneziani hin machten die europäischen Delegirten und Consuln Aleko Pascha eindringliche Vorstellungen. Der englische sowie der italienische Consul hatten von ihren betreffen den Regierungen die ausdrückliche Weisung erhal ten, beim General-Gouverneur nachdrücklich gegen einen solchen Stand der Dinge zu protestiren; dieser aber, ohnehin unfähig und energielos, wird von den localen Einflüssen in einem Grade beherrscht, daß er gar keinen Willen und keine Jui tiative mehr hat. Seine schlechte Verwaltung äußert sich in allen Theilen der Provinz, und überall sehen sich Muselmanen, Griechen und Js raeliten in ganz unerträgliche Existenz-Bedingungeu versetzt. Auf das dringende Ansuchen der euro« paischen Vertreter wurde eine Untersuchungs-Commission zugleich mit einer halben Schwadron Cavallerie von Philippopel nach Karlowa abgesendet Sie hat die Aufgabe, die Schuldigen zu ermitteln, der Anfang müßte aber mit der Absetzung und Bestrafung der Behörden von Karlowa selber, deren Mitschuld an den in dieser Stadt vorgefallenen Unordnungen mehr als offenkundig ist, gemacht werden. Wird man dies thun? Das ist die Frage. Die europäische Commission möchte es so viel wie möglich vermeiden, die administrativen Freiheiten der Provinz anzutasten; sie sieht aber, daß die Art und Weise, wie die Geschäfte von Aleko Pascha geführt werden, die Wirksamkeit des organischen Statuts im Lande vollständig d lähmen wird. Es ist dies eine Situation, der Europa ein Ende bereiten muß. Was die Pforte betrifft, so ist sie der Ausicht, daß die Besetzung der Balkanlinie durch eine türkische Armee schließlich zur Nothwendigkeit werden wird. c 8