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Der Israelit · 1879-07-09 · Heft 28 (9.7.1879) · page 20

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 28 (9.7.1879)
Date
1879-07-09
Page
– (sequence 20)
Language
German
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744 Es ist ein tiefgefühltes Bedürfniß, beinahe . möchte ich sagen: ein strenges Gebot des religiösen j Pflichtgefühles, dem ich gehorsame, wenn ich mir j die nicht leichte Aufgabe mache, in den Annalen des orthodoxen Judenthums durch eine kurze, aber bündige Charakterskizze einer Königstochter ein würdiges Denkmal zu setzen. Ja, eine Königstochter in des Wortes schönster Bedeutung war Frau Hannchen Dünner - Wormser in Cöln, die am 2. dieses Monats im 39. Lebensjahre einer kurzen aber ihre Lebenskräfte fürchterlich rasch zersetzenden Krankheit erlag. In ihr hat das traditionelle Judenthum eine seiner schönsten und kostbarsten Perlen verloren, das Häuflein auserlesener Glaubenshelden in der rheinischen Metropole, die für die Erhaltung des uralten südischen Geistes leben und streiten, den Verlust eines mächtigen Stützpunktes zu betrauern. — Macht sich aber diese Werthschätzung keiner überschwenglichen Lobeserhebung schuldig? Hat sie ihren Vorsprung nicht etwa in dem begreiflichen aber nicht ganz berechtigten übertriebenen Schmerzensgefühle einer bedingungslosen innigen Freundschaft , in der Überschätzung der Eingenommenheit? Allerdings finden diese Fragen scheinbar schon in dem Umstande ihre Berechtigung, daß der Ruf der Verklärten nie über die Grenzen des relativ engen Kreises von Verwandten, Freunden und Bekannten hinausdrang. Jedoch, ein entscheidendes endgültiges Urtheil hierüber kann allein die folgende wahrheitsgetreue Charakterzeichnung abgeben. Entsprossen einer der sehr wenigen jüdischen Familien Deutschlands, die den Seelen- und Geschlechtsadel der deutschen Judenheit würdig repräsentiren, vereinigte die Verewigte in sich all die Geistes- und Seelenvorzüge, die bei einer jüdischen Tochter unbedingt erforderlich sind, um sie zu einem Ideale weiblicher Tugenden und weiblicher Größe zu stempeln. Achtungswerthe Begabung, eine sorgfältige sinnige Erziehung und glückliche Entwickelung bildete die ihr angeborene schönen und herrlichen Eigenschaften: Sanftmuth, Bescheidenheit , majestätische Ruhe, taktvolle Zärtlichkeit und Milde einerseits, Entschiedenheit, Treue, Beharrlichkeit , Gemüthstiefe, Glaubenswärme und religiöse Innigkeit andrerseits zu einem wunderschönen harmonischen Ganzen. Ihre Erscheinung machte daher auf jeden ästhetisch Gebildeten einen imponirenden, auf den allseitig entwickelten und für das Judenthum begeisterten Mann einen wohlthuenden erquickenden Eindruck. Wie wäre dies auch anders möglich gewesen, wenn man bedenkt, wie arm gerade unsere Zeit an Persönlichkeiten ist, die hohe Geistesanlage mit wahrhaft edlen Charakterzügen vereinigen, wenn man in Betracht zieht, wie selten man einem noblen Manne, einer geistig und physisch feingebildeten Dame begegnet. Die Wissenschaftlichkeit ' und das weltbürgerliche Streben der neueren Zeit haben besonders aus den jüdischen Kreisen gleichzeitig mit der Naioetät auch Gefühlstiefe und Herzensinnigkeit gebannt. Allerdings können wir uns heutigen Tages wissenschaftlicher Bildung und äußerlich schöner Manieren rühmen. Unstreitig sind diese Errungenschaften der Jetztzeit von unschätzbarem Werthe, Vorzüge, die das Judenthum des Ghetto's nicht kannte. Bieten aber diese Errungenschaften allein einen hinreichenden Ersatz für die frühere Innigkeit und Herrlichkeit, Gemüthstiefe und Großmüthigkeit, die wir eingebüßt haben? Den heutigen gesetzestreuen Anhängern des Judenthums ist die Lösung einer zwiefachen schwierigen Aufgabe eine heilige unabweisbare Pflicht. Wir sollen durch glänzende Beispiele erstens die Vereinbarkeit des traditionellen Judenthums mit allgemeiner Wissenschaftlichkeit, und zweitens die Möglichkeit innerer Harmonie zwischen jüdisch-religiösem Fühlen, jüdiscy-religiösem Denken und wahrhaftem Seelenadel bekunden. Eine Seite, und zwar die erste der so schwierigen Aufgabe haben wir, Gott sei Dank, schon vielfach und im hohen Grade gelöst. Was man vor noch kaum drei Decennien für unmöglich hielt, ist heute eine beinahe alltägliche Erscheinung. Das gesetzestreue Judenthum ist reich an Männern, die sich auf dem Gebiete der allgemeinen Wissenschaft als tüchtig bewährt haben. Weniger glücklich dahingegen sind wir in der Lösung der andern Seite der Aufgabe. Persönlichkeiten, die durch ihren allseitig ausgebildeten Seelenadel imponiren, werden auch in unseren Reihen selten, jedenfalls nicht viel häufiger als in dem Lager unserer Gegner angetroffen. Und doch, wenn irgend Etwas, so sind es gerade solche erhabene Erscheinungen, die am Deutlichsten für die Größe und Erhabenheit des Judenthums zeugen. Ist es nun Uebertreibung, wenn wir die Verklärte, die ein beredtes Zeugniß für die himmlische Harmonie war, die im jüdischen Stamme liegt, als eine der schönsten und kostbarsten Perlen des traditionellen Judenthums bezeichnet haben? Ein solch himmelbegnadigtes Wesen aber zwingt uns nicht allein Achtung, Ehrerbietung und Bewunderung ab, sondern macht auch die in seiner Umgebung schlummernden religiösen Gefühle in einem solchen Grade rege, daß sie nie wieder in

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