Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1879)
- Date
- 1879-07-02
- Page
- – (sequence 25)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 94% known words query
- IRI
…/2446951-2447797-2447824--16379-2472362- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
XX. Jahrgang. Dritte Beilage;u Ar. 27 des Israelit. Aeitunzsrrachricbten und Correspondenzen. Deutschland. A Königsberg, 27. Juni. Ich muß doch wieder einmal ein Lebenszeichen von mir geben und Ihnen verschiedene jüdische Vorkommnisse des verflossenen Halbjahres melden, soweit dieselben zu meiner Kenntmß in die Krankenstube gedrungen sind. Leider bin ich diesen Sommer nicht in der Lage, wieder aufs Land zu ziehen; meine beschränkten Mittel erlauben es nicht. Die in der masurischen Kreisstadt Lyck seit 23 Jahren von unserm Königsberger Landsmann, Herrn Dr. L. Silbermann herausgegebene und über alle Theile der civilisirten Erde verbreitete hebr. Zeitschrift „Hamaggid" hat, nachdem sie wieder von der russischen Cenl'ur zugelassen worden, von Neujahr ab eine unter dem Titel „Magid- Mischneh" erscheinende hebr. Beilage wissenschaftlich belletristischen Inhalts erhalten. Diese Beilage redigirt selbstständig der bekannte hebräische Stilist, Herr Literat David Gordon in Lyck, der vieljährige Mitarbeiter an dem Hauptblatte, für welches er nach wie vor insbesondere die liberalen politischen Leitartikel schreibt. — Auch wir hatten hier im vergangenen Winter einen unerfreulichen Nihilisten-Proceß gegen 4 junge Israeliten aus Rußland, 3 Studenten und einen Comptmristen, bei denen man revolutionäre Schriften vorfand. Der außerdem mitverhaftete Herausgeber des „Hakohl", für welche Zeitschrift jener Comptorist ganz unverfängliche hebräische Artikel geschrieben hatte, wurte bald wieder freigelassen, während jene 4 Belastete eine mehrmonatliche Untersuchungshaft erdulden mußten, die zu ihrem Glücke damit endete, daß man sie in humanster Weise, statt nach Rußland auszuliefern, eine unfreiwillige Fahrt nach Copenhagen machen ließ. — Als Nachfolger des emeritirten Obercantors und Musikdirectors H. Weintraub ist für die hiestge Haupt- und Reform-Synagoge der junge und noch unverheirathe Cantor Birnbaum aus Beuthen in Oberschlesien gewählt worden, der demnach über seine nächsten Mitconcurrenten aus Ulm, Cöln und Hannover einen glänzenden Sieg errungen hat. — Im Monat Februar ist hier, der durch seine Frömmigkeit, Biederkeit und Wohlthätigkeit gleich ausgezeichnete Synagogenvorsteher, vieljähriger Oberleiter der Chebra-Kadifcha und Mitbegründer des isr. Waisenhauses, Particulier M. S. MagnuS im hohen Greiscnalter gestorben und mit großem Gefolge beerdigt worden ro"sJp. — Zur Beglückwünschung des Oberpräsidenten der Provinz Ostpreußen v. Horn an seinem neulich gefeierten 50jährigem Amksjubiläum war auch von Seiten der hiesigen Synagogengemeinde eine Deputation erschienen, als deren Sprecyer der greise Obervorsteher, Herr Bankdirector W. Gabriel, fungirte. — In der liberalen „Königsberger Hartung'schen Zeitung", in der man seit Jahren gewöhnt ist, die jüdischen Artikel als aus der Feder des rechtgläubigen Literaten Dr. M. Freystadt geflossen zu betrachten, erscheinen seit einiger Zeit, allerdings nicht unter meinen Chiffern (—a., —ed., —r.), allerlei reformistische Artikel, neulich, sogar wie Panegpricus auf Rabb. Schreiber in Bonn, die selbstverständlich nicht von dem stetigen Mitarbeiter der Zeitung herrühren, welcher freilich auch commercielle und literarische Berichte für das vielgelesene Blatt liefert. Die fanutische Reform scheint mich aus meiner Position in der genannten Zeitung verdrängen zu wollen, was ihr aber mit göttlicher Hilfe, so lange ich lebe, nicht gelingen wird. — Die Angelegenheit in Betreff der J o h. Jacoby-Büste, welche bekanntlich im hiesigen Sitzungssaale der Stadtverordneten aufgestellt war und später auf Anordnung der königl. Regierung daraus entfernt wurde, wirbelt immer noch viel Staub auf; der Magistrat, auch vom Ministerium, mit seiner Beschwerde gegen die Regierungs-Verfügung abgewiesen, will die Sache nunmehr vor das Abgeordnetenhaus bringen. Es handelt sich übrigens bei der von der Opposition betriebenen Remotion der Statue nicht etwa nm Rischus gegen den Juden, sondern um Apathie gegen den angeblichen Socialdemocraten Johann Jacoby. — Vor wenigen Tagen starb plötzlich der berühmte Vertreter der Hegelschen Philosophie an unserer Albertina, Karl Rosenkranz, und wurde mit großem studentischen Pomp zur letzten Ruhestätte geleitet. Bei dieser Gelegenheit sei daran erinnert, daß Schreiber dieses, welcher seiner Antritts-Vorlesung damals als Akademiker beiwohnte, worin der sonst so humane Mann einige Ausfälle gegen das Judenthum sich erlaubte, sich veranlaßt sah,