Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 27 (2.7.1879)
- Date
- 1879-07-02
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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698 „Ergreifen Sie ohne Zaudern die Gelegenheit , eine orthodoxe Seperat - Gemeinde zu gründen, und alle Institutionen dauernd nach den Vorschriften unserer heiligen Religion, der schriftlichen und der mündlichen Lehre, einzurichten. Segnen Sie die Stunde, in welcher sich dazu die Gelegenheit bietet. „Wenn bei der Rabbiner-Wahl die Reformer Ihnen nachgegeben hätten, so würde der thatsächlich vorhandene Riß nur überkleistert worden sein. Die Opposition der Reformer wäre dem Rabbiner überall hemmend entgegengetreten, jeder Tag hätte neue Conflicte geboren. Die Erfahrung der jüngstverflossenen Jahrzehnte hat es gelehrt, daß fromme und gelehrte Rabbinen in Gemeinden, in welchen ein großer Theil der Mitglieder den Ideen der Neuzeit huldigt, viel Gutes zu schaffen nicht vermochten, während die orthodoxen Separat-Gemeinden unter göttlichem Beistände sich zu herrlicher Blüthe entfalten und ihre Kinder in der Religion der Väter zu unterrichten und zu erhalten im Stande sind. „Und im Hinblicke auf diese Kinder, im Hinblicke auf die Zukunft Israels mahne ich Sie ebenso herzlich wie dringend: Zögern Sie keinen Augenblick, Ihren Austritt zu erklären und von dieser großen Errungenschaft auf dem Gebiete der Gesetzgebung Gebrauch zu machen. „Freilich, es wird Ihnen und Ihren Freunden schwer werden, das Anrecht an eine schöne, von Ihnen miterbaute Synagoge, die im Augenblicke noch allen Anforderungen des jüdischen Riligionsgesetzes entspricht, aufzugeben; auch wird die Herstellung der verschiedenen Gemeinde-Institutionen große Opfer erheischen: Allein, was will das heißen im Vergleiche mit dem großen, erhabenen Ziele, das Sie erstreben, im Vergleiche mit der Erhaltung deS Judenthums in Ihrer Vaterstadt, in welcher einst Hunderte oder vielleicht Tausende um eben dieses Judenthums willen nicht zurückgebebt sind vor dem Tode durch Feuer und Schwert! „Das Jahr, das Sie noch abwarten könnten, wäre ein unwiederbringlich verlorenes; in diesem Jahre kann die orthodoxe Separat-Gemeinde bereits Wurzel schlagen, um sich zu schöner Blüthe zu entfalten! „Also Muth, mein Freund! Kein Zögern und kein Zagen, wo es gilt, für Gott und Seine heilige Lehre, für die Zukunft und den Bestand des Judenthums einzutreten! „Schließlich ersuche ich Sie, von diesem meinem Schreiben Ihren verehrten Gesinnungsgenossen, namentlich Ihrem Herrn Schwager, den ich herzlich zu grüßen bitte, Kunde zu geben. Hochachtungsvoll Dr. Lejhmann." Zeitungsnachrichten Gorrefpondenzeu. Deutschland. Berlin. 26. Juni. Die „Post" berichtet: Der „jüdische Referendars jenes bekannte Phamphlet aus der ultramontanen „Schlesischen Volks-Zeitung", welches bereits einmal in Breslau Veranlassung zu einer Gerichtsverhandlung gegeben hatte, in welcher der Redakteur der „Schlesischen Volks-Zeitung", Herr Nowack, nnd der Buchhändler Reith, welcher Separat- Abdruck des erwähnten Artikels herausgegeben hatte, wegen Beleidigung mittelst der Presse angetlagt, und der erstere zu 200 Mk>. der letztere zu 100 Mk. Geldstrafe verurtheilt worden waren, hatte heute noch ein Nachspiel vor der siebenten Kriminal Deputation des hiesigen Stadtgerichts. Es war nämlich jene Gerichtsverhandlung in der „Volks-Zeitung" und dem „Berliner Börsen-Courier" einer Kritik unterzogen und in dieser namentlich der Staatsanwalt Professor Dr. Fuchs angegriffen worden, dessen Anträge von den beiden Blättern für zu milde befunden wurden, und dem daher eine Sympathie für die Angeklagten in den betreffenden Artikeln der beiden genannten Blätter imputirt und weiter vorgeworfen wurde, daß er sich der jetzt modernen Judenhetze angeschlossen habe Staatsanwalt Fuchs hatte infolge dessen auf Grund des in Nr. 20 der „Volks-Zeitung" vom 24. Januar d. I. enthaltenen Leitartikels unter der Ueberschrift „Die Saat beginnt Früchte zu tragen", und eines in Nr. 41 des „Berliner Börsen-Courier" unter der Rubrik „der Reporter" enthaltenen Artikels den Straf antrag gegen die beiden verantwortlichen Redakteure dieser Zeitungen. Herrn Edmund Philipps und Herrn Georg Davidson, wegen Beleidigung seiner Person und zwar zunächst wegen verleumderischer Be leidigung gestellt. Eine Anklage wegen verleumderischer Beleidigung war aber nicht erhoben worden, weil kon statirt wurde, daß beide zur Verantwortung gezogene Redakteure bei dem am 22. Januar zu Breslau verhandelten Prozesse nicht zugegen gewesen waren Dagegen wurden beide wegen einfacher, öffentliche Beleidigung unter Anklage gestellt und der Staatsan Walt beantragte, nachdem er sich in seinem Plaidoye dahin ausgesprochen, daß die inkriminirten Artitt unzweifelhaft eine Beleidigung enthielten, da den Staatsanwalt Fuchs darin Voreingenommenheit un Parteilichkeit vorgeworfen worden, gegen Herrn Philippder sich in neuerer Zeit wiederholt Strafen wegen Preß Vergehens zugezogen, 200 Mk., gegen Herrn Davidsoi 100 Mk. Gcldstafe. Nach längerer Berathung erkannt der Gerichtshof dahin, daß beide Angeklagte der B leidigung mittelst der Presse schuldig und jeder ihnen mit einer Geldstafe von 200 Mk. eventuell Tagen Gefäugniß zu belegen sei. tz.