Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 18 (30.4.1879)
- Date
- 1879-04-30
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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450 Diese Mittel hat unser Verein „Humanität", theils durch öffentliche Erwiderungen auf Ausfälle in der Presse, theils durch Schlichtung einzelner zu unserer Kenntniß gebrachten Wuchergeschäfte bereits thatsächlich.angewendet, und können wir schon aus diesen wenigen Erfolgen die Ueberzeugung von dem gesunden Kern unserer Bestrebungen entnehmen. Selbstredend vermag das Vorgehen eines einzelnen Vereins nicht, diejenigen Resultate zu erzielen, welche nothwendig wären, wenn das allgemeine Uebel mit der Wurzel beseitigt werden und ein Streben nach Recht und Billigkeit überall sich einbügern soll. Wir haben deßhalb Manifeste an jämmtliche jüdischen Gemeinden des Landes gerichtet und sie zur Gründung ähnlicher Vereine aufgefordert. In den Erwartungen, welche wir daran knüpften, sehen wir uns allerdings getäuscht und sind wir daher veranlaßt, einen anderen Weg aufzusuchen, auf welchem wir das fest und unerschütterlich vorgesteckte Ziel zu erreichen hoffen. Mit diesem Weg meinen wir nämlich unser Herantreten an die höchste isr. Kirchenbehörde des badischen Landes, deren Aufgabe es ja ist, für die Interessen des Judenthums einzutreten, für daL religiöse, geistige und sittliche Wohl der Juden Sorge zu tragen, und welche vermöge ihres öffentlichen, verfassungsmäßigen Charakters am meisten in der Lage sein dürfte, in der angedeuteten Richtung auf die badischen jüdischen Gemeinden mit Erfolg einzuwirken. Man kann uns nicht entgegenhalten, daß, nachdem die Reichsregierung die Wucherfrage in den Bereich ihrer gesetzgeberischen Thätigkeit gezogen und selbst Abhilfe zu schaffen sich bereit erklärt hat, für die diesbezügliche Thätigkeit von Vereinen und Verwaltungsbehörden ein Raum nicht mehr gegeben sei; kein Gesetz — dies lehrt uns die Vergangenheit — wird den Wucher aus der Welt schaffen und nur das Wirken mit moralischen Mitteln , welche dem Großh. Oberrathe vor anderen Behörden zu Gebote stehen, vermag das Grundübel unserer modernen Gesellschaft auszurotten. Ohne dem Ermessen Großh. Oberraths, andere geeignet erscheinende Mittel zu wählen, vorgreifen zu wollen, erlauben wir uns, der Erwägung hoher Behörde folgende Vorschläge zu unterbreiten: 1) Es wolle eine Notabelnversammlung bestehend aus Theologen und Vertrauensmänner verschiedener Gemeinden des Landes berufen und mit ihnen die Mittel und Wege berathen werden, welche den angedeuteten Nebeln zu steuern im Stande sind. 2) Solche Wege und Mittel dürften sein: a. Heranbildung von Handwerkern, welchen in den j Städten Gelegenheit zur Erlernung ihres Berufes durch Unterstützung Seitenzu gründender Vereine zu verschaffen ist. d. Aufmunterung intelligenter junger Leute zum Besuche von gelehrten Anstalten, ebenfalls durch Inaussichtstellung nöthig werdender Unterstützung. o. Gründung von Vereinen, welche dem Wucherthum entgegentreten sollen durch Belehrung über die verderblichen Folgen desselben, durch - Schlichtung bekannt gewordener Wuchergeschäfte, schlimmsten Falledurch Veröffentlichung der Namen derjenigen Contrahenten, die sich dem Willen des vermittelnden Vereines widersetzen. d. Gründung eines aus Theologen, RechtSgelehrten und Kaufleuten bestehenden CentralcomitsS mit der hochwichtigen Aufgabe, gehässigen Ausschreitungen in der Presse, und in Broschüren vulgo Pamphleten gegen das Judenthum gebührende Antwort zu ertheilen. Es wird uns freuen, wenn diesen unseren Vorschlägen die Berücksichtigung Großherzoglichen Oberraths zugewendet werden wird, und sehen wir geneigten Entschließungen gerne entgegen. Mit vorzüglicher Hochachtung: Der Vorstand. Freiburg i. B., den 18. April 1879. Ki schuß. VIII. 8. Es wäre geradezu ein Wunder zu nennen, wenn nach einer fast 2000jährigen Entfremdung wie mit einem Schlage alle Vorurtheile gegen die Juden aus allen Schichten der nichtjüdischen Gesellschaft hätten getilgt sein sollen. Nachdem man so lange dem Volke von der Verworfenheit der Juden vorgepredigt und gelehrt, nachdem man sie fast 2000 Jahre als das von Gott zur ewigen Verdammniß verurtheilte Volk der urtheilslosen Masse bezeichnet, nachdem man deren gewaltsame Bekehrung, ja eine Zeitlang deren Vernichtung als ein gottgefälliges Werk hinzustellen versucht hat: konnte nicht darauf gerechnet werden, daß die Geächteten und Rechtlosen mit einem Male mit der politischen Gleichberechtigung auch die moralische in den Herzen aller christlichen Mitbrüder erlangen sollten. Aber man hätte erwarten dürfen, daß nachdem edle, für Freiheit und Menschlichkeit kämpfende Männer die Sache der Juden in die Hand genommen und mit beredten Worten deren