Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 17 (23.4.1879)
- Date
- 1879-04-23
- Page
- – (sequence 39)
- Language
- German
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7 breitet hat. Sein eigenes Haus ist ebenfalls verschüttet, aber er hatte das Olück, seine ganze Familie zu retten. Gegen 11 Uhr versammeln wir uns am Bord des „Bouvet“, um uns über unser gemeinsames Wirken zu verständigen. Alle Welt versichert, daß seit dem Erdbeben von Lissabon ein solches wie hier noch nicht stattgefunden hat. Mit Bestimmtheit läßt sich die Zahl der Verschütteten noch nicht angeben; man spricht von 15—20,000 Personen. Die ganze Insel, Stadt und Land, ist ein Trümmerhaufen, dabei halten die Stöße immer noch an; es werden im Durchschnitt 20 per Tag angenommen. Eben kommt Herr S i d i und bittet mich, die Emigration der Israeliten zu verhindern; um dieses zu können, müßte man aber mindestens für einen Monat Unterstützung zusichern. Ich stehe im besten Verhältniß zu den Gliedern des internationalen Comite's und hoffe für die Israeliten das Nöthigste zu erlangen und sie auch mit Kleidung und Wäsche versehen zu können; ich gestehe aber, daß ich alle diese Ausgaben lieber im Namen der Alliance gemacht haben würde, allein die dringende Noth verbietet mir, die Antwort abzuwarten. Wenn Sie Hülfe senden, seien Sie überzeugt, daß Alles bestens vertheilt und angewendet werden wird, sei es hier oder in Tchesmö. Die Gesellschaft Gemiloth Chassadim zu Smyrna hat 1300 Francs für denHülfsfond gegeben, andere Genossenschaften Lebensmittel und sonstige Gegenstände. Im Augenblicke sind aber alle Hülfsquellen schon erschöpft. Eins der wenigen Gebäude, welche stehen geblieben sind, ist ein Cafe am Strande; von hier aus richte ich diese Zeilen an Sie. Entschuldigen Sie das Unzusammenhängende meiner Mittheilungen; wie Alles um mich herum, so bin auch ich erschüttert und bestürzt, ich hoffe indeß in kurzer Zeit eine Liste der Verunglückten geben zu können, sowie auch das Verzeichniß der Unterstützten und Unterstützungsbedürftigen. — Diesen Augenblick wieder ein neuer Stoß; die Scheiben fallen klirrend aus den Fenstern, man hat sich so zu sagen an diese Ueberraschungen schon gewöhnt. Mein größter Wunsch ist, nicht zurückkehren zu müssen, ohne vorher den Israeliten Quartiere und die nöthigsten Sachen für Pessach verschafft zu haben. Die Schule von Smyrna wird von morgen bis über Pessach geschlossen sein; so habe ich fast 14 Tage, welche mir erlauben, für die Unterbringung unserer armen Brüder wirken zu können. Sie nach Smyrna zu führen, würde die Lasten der Gemeinde noch verstärken, während sie hier, am selben Orte unterstützt, in kurzer Zeit ihren Lebensunterhalt wieder verdienen können. Ich will suchen, etwas zurückznlegen, um es nach Ostern den Handwerkern zur Beschaffung des Nöthigsten zu geben. In der Rhede liegen 5 Kriegsschiffe. Die Matrosen tragen die Verwundeten vom Lande dorthin und verpflegen sie da. Wir sind alle froh, daß unsere Blessirten in Smyrna sind, wo sie gut gepflegt werden. Ich wäre Ihnen sehr verbunden, wenn Sie Herrn Veneziani wissen lassen möchten, daß die 11 israelitischen Kinder der griechischen Schule gerettet, und Dank einer kleinen Stiftung, welche einst für sie gemacht worden ist, wohl versorgt sind. Eines von ihnen ist bei den Verwundeten in Smyrna. Eine jüdische Frau ist am Mittwoch Abend von einer Tochter entbunden worden; leider fehlt der armen Mutter die Milch. Ich war so glücklich, für dieselbe eine Saugflasche und Milch verschaffen zu können. Sie befinden sich so gut, als es in diesen Verhältnissen möglich ist. — Noch einmal bitte ich Sie, den Mangel an Zusammenhang meiner Miltheilungen zu entschuldigen; ich habe Alles so gegeben, wie es mir eben gegenwärtig ist. I. ^ariente. n. Das Unglück von Chios übertrifft jede Vorstellung. Ich versuche heute nicht, Ihnen Einzelheiten vorzuführeN. Der Zustand unserer Kranken und Flüchtlinge ist beklagenswerth; wir haben Hülfe dringend nöthig und ich bitte Sie von ganzem Herzen, uns solche zu gewähren. Herr Parie nte ist seit Montag in Chios. Einige Glieder der Hülfsgesellschaft hatten ihn dahin begleitet; als aber die Gefahr sich steigerte, als die Luft dort verpestet war, verließen ihn selbst die Muthigsten. Er hat uns die Verwundeten, welche man unter dem Schutte hervorgezogen hat, hergefchickt; er läßt Baracken für die Obdachlosen bauen und bestattet die Todten. Von hier sendet man jeden Tag Lebensmittel, Kleidungsstücke , Bettzeug, ja selbst Wasser, denn die Quellen sind versiegt und die Brunnen verschüttet.