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Der Israelit · 1879-02-26 · Heft 9 (26.2.1879) · page 2

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 9 (26.2.1879)
Date
1879-02-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
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214 zu verstehen, sowohl die Frage wie die Antwort. Die Frage — sollen denn die Engel nicht Antheil nehmen und klagen, da Gottes heiliges Haus zerstört wurde? Die Antwort — ist etwa Abrahams Benehmen mustergiltig und maßgebend für die Enge!? Um das zu verstehen, müssen wir uns eine andere Erzählung der Weisen vergegenwärtigen. Als Moscheh in den Himmel kam, um die Thora zu empfangen, erzählen unsre Weisen im Tractat Sabbat, da widersetzten sich die Engel und sprachen: Herr des Weltalls, was soll der Weibgeborene hier unter uns? —Und Gott sprach: Die Thora zu empfangen ist er gekommen. — Darauf die Engel: Dein köstlich Kleinod willst Du Menschen geben, auf daß sie es verletzen, mißachten, verhöhnen? Laß doch Deine Majestät am Himmel walten! — Und Gotl sprach: Moscheh, gib Du ihnen Antwort! — Und Moscheh gab ihnen Antwort und überzeugte sie, daß die Thora den menschlichen Verhältnissen angepaßt sei. Wir dürfen nun wohl nicht annehmen, daß die Engel auf die Menschen eifersüchtig waren und diesen die Thora nicht gönnten; es soll vielmehr durch die eben angeführte Erzählung wohl Folgendes dargelegt werden: Es gibt zwei Wege, die den Menschen zur höchsten Höhe seines Wesens emporführeu: Die Offenbarung und die Erkenntniß. Jeder Weg hat seine Vortheile und seine Nachtheile. Während die Offenbarung den spätern Geschlechtern leicht als etwas Fremdes, Ueberkommenes erscheint, ist die Erkenntniß, die der Mensch durch eigenes Nachdenken erworben, ihm stets und immer zu eigen; während sich der Menschengeist gegen die Offenbarung leichtlich auflehnt, wird er an dem von ihm selbst Erkannten unverbrüchlich festhalten; während die Offenbarung dem Menschen das Denken und selbstständige Forschen erspart, läßt das eigene Denken und Finden den Menfchengeist viel größer und herrlicher erscheinen. Von diesem Standpunkt aus widersetzten sich die Engel der Offenbarung. „Laß Deine Majestät am Himmel walten, laß die Himmel erzählen die Ehre Gottes, laß die Menschen durch Betrachtung der Natur, der Himmel, der Gestirne, des Sonnenballs, der Welten und Meere, der Pffanzen und Thiere, der Ordnung und Regelmäßigkeit im Weltall zur Gotteserkenntniß gelangen. Dann werden sie Gott in Wahrheit dienen und der erlangten Erkenntniß nicht zuwider handeln. Aber Moscheh gibt den Engeln auf Gottes Geheiß Antwort. Ja, sagt er, Ihr hättet schon Recht, wenn die irdischen Verhältnisse nicht wären, die uns von der Gotteserkenntniß avziehen. Wir wohnen zwischen heidnischen Völkern und sind der Gefahr ausgefetzt, zum Götzendienste verführt zu werden; im Handel und Wandel will die Gewinnsucht zu falschen Eiden treiben, der Zorn zum Morde, die Leidenschaft zum Ehebrüche. Ehe irgend ein Mensch zur Gotteserkenntniß gelangte, würde er im Pfuhl der Laster, Begierden, Leidenschaften ersticken, zu Grunde gehen; daher ist die Offenbarung nothwendig, damit der Mensch schon als zartes Kind gewöhnt werde, die Leidenschaften zu zähmen und zu bändigen. Da nun das Heiligthum zerstört wird und die Engel darob trauern, fragt Gott sie: Ihr Engel, die Ihr Euch doch der Offenbarung widersetzt habt, ohne die nimmer ein Heiligthum in Jerusalem erbaut worden wäre (denn die aus der Naturbetrachtung erwachsene Gotteserkenntniß bedürfte ja auch der äußeren Mittel zum Gottesdienste nicht), warum trauert Ihr um die Zerstörung Meines Hauses? Und die Engel antworten: Herr, der Welt, einen Menschen hat es gegeben, der durch eigenes Nachdenken zur Gotteserkenntniß gelangt ist, und das ist Abraham. Wenn es nun richtig wäre, daß die eigene Erkenntniß der Menschheit angemessener stri als die Offenbarung, so hätte Abraham diese hohe Stufe der Vollendung menschlichen Geistes für seine Kinder wünschen sollen. Da aber auch er trauert um den Fall des heiligen Tempels, so ist das uns ein Beweis, daß er die geoffenbarte Religion für das Beste hält, die geoffenbarte Religion, wie sie im heiligen Tempel zu Jerusalem ihren vollendetsten Ausdruck fand, und deßhalb trauern auch wir ob der Zerstörung des Heiligthums. Daher fährt auch der Psalmist fort: n^n1? -pmy ry niD’ D’pjn D^iy ’dd DpJHDl H’1N Gott hat dadurch die Thora (min ry |\x) festbegründet, daß schon die kleinen, unmündigen Kinder an die Ausübung ihrer Gebote gewöhnt werden; denn nur so gelingt es, den innern Feind, die Leidenschaft, zu besiegen und zu bezähmen, dem innern Triebe der Rache, das Verbot: Du sollst Dich nicht rächen, entgegenzustellen. Die Gewöhnung muß vorangehen; auf dem Boden der Gotteslehre mag dann die Erkenntniß sich aufbauen; dann wird des Menschen Seele, von innen und von außen, der heiligen Lade, die innen und außen von gediegenem Golde, vergleichbar sein. (Fortsetzung folgt.)

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