Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 7 (12.2.1879)
- Date
- 1879-02-12
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XX. Jahrgang. Zweite Beilage Ar. 7 des Israelit. Zeitungsnachrichten & Correspondenzen. Deutschland. Aus Kurhefsen, 8. Febr. Die jüngste Nummer Ihres gesch. Blattes brachte eine Corresvondenz aus Cassel über den verstorbenen Geh. Sanitätsrath Dr. Stilling, wonach derselbe in den! 60r Jahren zur ärztlichen Praxis zugelassen worden sei. Es ist dieß indeß nicht ganz richtig; es war für die Herren an der Casseler Regierung vielmehr keine Wahl, ihn an der Ausübung der ärztlichen Praxis zu hindern, so gern dies geschehen wäre. Ueber den Verstorbenen ist in der letzten Zeit so viel geschrieben worden, daß es unnütz wäre, auch in Ihrem Blatte noch über feinen Ruhm etwas zu bringen, aber in den Rahmen desselben dürften doch die nachstehenden Zeilen passen, namentlich was der Verewigte vom lieben Rischus zu ertragen hatte, und wie er es mit wahrem DttfTi ttfrpp ertragen hat. Nachdem in Kurhessen die Emancipation der Israeliten schon verfassungsmäßig garantirt war, machte Stilling ein sehr glänzendes Examen und konnte man nicht umhin, ihm eine Staatsstelle zu geben, was auch geschah, indem er als Landgerichtswundarzt für das linke Fuldaufer in Cassel angestellt wurde. Bald hatte er dortselbst in Folge seiner Geschicklichkeit die stärkste ärztliche Praxis, wodurch er seinen christlichen College», mit wenigen Ausnahmen sehr im Wege war, was auch wohl die Veranlassung wurde, daß er plötzlich, ohne seinen Willen und Wissen, als Physikus nach Eiterfeld einem kleinen Städtchen in der Provinz Ful-! da versetzt wurde. Da ihm indeß von dem Vater des letzten Kurfürsten schon früher die Ausübung der ärztlichen Praxis durch ganz Kurhessen gestattet worden war, wovon die Herren am Casseler Obermedicinalcollegium wohl keine Kenntniß hatten, schlug er die neue Stelle aus, und practicirte in Cassel fort, indem er auf seinen Staatsgehalt verzichtete.! In der ersten Zeit seiner Anstellung wollte! St. eine wissenschaftliche Reise nach Paris machen,; um Einrichtungen der dortigen Spitäler rc. kennen j zu lernen und bat bei seinem Gesuche um Urlaub die Regierung um einen Staatszuschuß zu seinen Reisekosten; das Rischus war aber so groß, daß ihm , als er auf den Zuschuß aus Staatsmittel verzichtete, und die Reise auf eigene Kosten unternehmen wollte, Schwierigkeiten bereitet wurden, indem man ihm längere Zeit den Urlaub verweigerte. Als sein Ruhm im Auslande schon begründet war, und er auf alle mögliche Weise durch Diplome als Ehrenmitglied von Äcademien, Orden, u. a. vom Kaiser von Oesterreich, vom König Louis Philipp von Frankreich, vom Könige von Belgien rc. ausgezeichnet worden, offerirte ihm der bekannte Minister Hassenpflug, welcher auch in den 30r Jahren ein Ministerportfeuille in Kurhessen inne hatte, eine Professur an der Landesuniversität Marburg oder Sitz im Obermedicinalcollegium zu Cassel, natürlich unter der schönen Bedingung, daß er — Christ werden solle, was er mit Entrüstung zurückwies, indem er sagte, daß sein größter Stolz der sei, Jude zu sein. Bei mehreren Vacanzen im Obermedicinalcollegium wurde St. dem Kurfürsten vorgeschlagen, aber weil Jude nicht angenommen. Trotz allem diesen sah St. im Kurfürsten doch stets den Landesherrn und verehrte ihm eines seiner besten Werke, welches er demselben mit einem prachtvollen und kunstreichen Einband versehen, überreichte. Als in den letzten Regierungsjahren des Kurfürsten ein demselben sehr nahestehendes Familienglied erkrankte und die behandelnden Aerzte keine Heilung verschaffen konnten, Stilling mit der Behandlung betraut wurde, und diesem nach verhaltnißmäßig kurzer Zeit die Heilung gelang, bei ihm angefragt wurde, was ihm am genehmsten sei, ob ihm Se. Königl. Hoheit einen Orden gebe oder ihn als Obermedicinalrath ernenne, war er stolz genug, Orden sowohl wie Titel auszuschlagen und nichts anzunehmen. Wo es galt, für das Judenthum einzutreten, schreckte Geh. Rath Stilling vor nichts zurück und wußte dafür einzutreten; so hatte er sich nach dem 70r Kriege bei Gelegenheit eines ausgeübten Judenhasses direct an Se. Majestät den deutschen Kaiser Wilhelm gewandt, der auch in seiner bekannten Gerechtigkeitsliebe die höchste Entscheidung nach Stilling's Wunsche traf.