Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 20 (1879)
- Issue
- Heft 2 (8.1.1879)
- Date
- 1879-01-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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37 möge die Haft willig ertragen und dann ein neues Leben beginnen. Doch in düsterer Verzweiflung schüttelte er daS Haupt. „Und wenn ich die Haft überstanden, waS dann? — wovon leben? — Hier ist meine Zukunft vernichtet —^meine Stelle ist mir gekündigt und als ehemaliger Sträfling finde ich so leicht keine andere. — Sollte ich betteln gehen mit Weib und Kind?" „Nun, wenn Du fort mußt, so gehe ich mit Dir, ich lasse Dich nicht allein! —" „Bertha! nimm Vernunft an, das kann Dein Ernst nicht sein. —" Und sie sieht es endlich ein, daß ihr nichts anderes übrig bleibt, als sich zu fügen. Und mit echt weiblichem Muthe, die Verzweiflung, die ihr Herz erfüllt, den Blicken des Gatten verbergend, findet sie Kraft, die letzte halbe Stunde in beinahe ruhigem Gespräch mit ihm zu verbringen. „Und wohin wendest Du Dich zunächst?" Er blickt sie lange schweigend an. „Ich kenne die Gesetze nicht. — Man wird mich morgen suchen — wird Dich vermuthlich fragen, wo ich bin und ich weiß nicht, ob Du Deine Aussage nicht eidlich wirst bestätigen müssen. — Ich bin wohl sicher, daß Du mich nicht verräthst — doch wenn auch selber des Meineids überführt. —" „Du hast recht, ich darf es für's erste nicht wissen, wohin Du gehst. — Aber wo treffen wir uns?" Sie kommen überein, daß so bald die bange und bisher doch von beiden so heiß ersehnte Stunde glücklich vorüber, Bertha einem Geschäftsfreunde in H. Nachricht geben und dort auch von Grünfeld Kunde erhalten solle. Doch die Zeit drängt, er darf nicht länger zögern. — Noch eine lange, glühende Umarmung, dann reißt er sich los und stürzt hinaus. Er hat es ihr mit Gewalt gewehrt, auch nur das Zimmer zu verlassen, um ihn zu begleiten - darum eilt sie zum Fenster und reißt es auf, so lange als möglich ihm nachzuschauen. „Jakob! Jaßvb!" Ihre gellende Stimme übertönt den Sturm. Der Fliehende wendet das Antlitz ihr zu und winkt flehend, sie möge sich zurückziehen; dann eilt er weiter. Sie aber lehnt sich noch weiter hinaus und streckt die Arme ihm nach. „Jakob! Jakob!" Aber er hört sie nicht mehr. — Und nun ist er auch ihren Blicken entschwunden — und mit ihm entschwindet die mühsam errungene Kraft; in wilden Zuckungen stürzt sie zu Boden — und durch das geöffnete Fenster bläst der Novembersturm. Als am folgenden Morgen die alte treue Magd des Grünfeld'schen Hauses in das Zimmer trat, fand sie ihre junge Gebieterin noch am Boden in der Nähe des offenen Fensters. — Doch trotz der niedrigen Temperatur des Zimmers wand sich die unglückliche Frau in Fiebergluth und erkannte die treue Dienerin nicht, die sie schon als Kind auf ihren Armen getragen. Willig ließ sie sich jedoch auch jetzt von ihr auf's Bett legen; dann eilte die verzweifelnde Alte hinaus, um Hilfe herbei zu schaffen. Bald war der Arzt zur Stelle und mehrere befreundete Frauen — der Herr des Hauses war nirgends zu finden. — Doch keine wich vom Schmerzenslager, bevor nicht eine zarte Kinderstimme sie belehrt, daß die Krisis vorläufig glücklich vorüber. Auf einen Moment wichen auch die Fieberfantasien der jungen Mutter. Sie hatte den ersten Schrei ihres Kindes vernommen und auch die Versicherung des Arztes, daß sie ein gesundes, kräftiges Töchterchen geboren — dann aber hatten ihre Augen sich wieder geschlossen und noch mit dem glücklichen Lächeln auf den zuckenden Lippen hatte sie weiter fantasirt von Meineid und Kerkerhaft, von Bettelngehen und bürgerlicher Schande. Wo mochte inzwischen der Vater der Neugeborenen weilen? Die alte Katharine, ihre Gebieterin, der Obhut ihrer Freundinnen überlassmd. war fortgeeilt, ihn an all den Orten zu suchen, wo sie nur irgend die Möglichkeit voraussetzte, ihn finden zu können. Doch umsonst, nirgend traf sie ihn; nirgend konnte sie Auskunft über ihn erlangen. Im weitern Verlauf des Tages erschien auch eine Gerichts-Commission, nach dem Entflohenen zu forschen. Seine Freunde zweifelten nicht an seiner Flucht, und eben aus Freundschaft enthielten sie sich vorläufig jeder Nachforschung, betrachteten es jedoch als Pflicht, den einzigen Verwandten des Entflohenen, einen dem Knabenalter kaum entwachsenen jungen Mann, von Allem Kenntniß zn setzen. Gleich am folgenden Tage befand sich Benjamin Grünfeld im Hause seiner Schwägerin, die jedoch auch ihn nicht erkannte; denn noch immer tobte das Fieber in ihren Adern. Der jüngere Grünfeld war brav und fromm, und trotz seiner Jugend äußerst besonnen. Innig schmerzte ihn, was er über feinen Bruder vernommen, und tief empfand er die Schmach seiner Flucht; doch mit echter Bruderliebe nahm er sich seiner hilflosen Angehörigen an. Er übergab die neugeborene Kleine einer armen aber anständigen Frau, die sie mit dem eigenen Kinde säugte und t»