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Der Israelit · 1879-01-02 · Heft 1 (2.1.1879) · page 17

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Journal
Der Israelit
Volume
20 (1879)
Issue
Heft 1 (2.1.1879)
Date
1879-01-02
Page
– (sequence 17)
Language
German
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XX. Jahrgang. Zweite Beilage za Ar. 1 des Israelit. Leitender 8 t t i l e I. MM Mordechai Wetzlar Mainz, 30. Dec. 1878. Es ist eine herbe Trauerkunde, welche die Ueberschrift unfern geehrten Lesern verkündet. Einer der Edelsten, Besten, Vorzüglichsten ist von dem Schauplatze seiner irdischen Thätigkeit abberufen worden! Rabbi Mordechai Wetzlar war am Anfänge dieses Jahrhunderts zu Fulda, der Hauptstadt des gleichnamigen Fürstenthums, welches später dem Kurfürstenthum Hessen zugetheilt wurde, geboren. Schon als kleines Kind war er von einem wunderbaren Eifer für das Thorastudium beseelt, und dieser Eifer war von den glänzendsten Geistesanlagen unterstützt. Der siebenjährige Knabe erhob sich in der größten Winterkälte Nachts um zwei Uhr von seinem Lager, um seinen Lehrer zu wecken, damit dieser mit ihm „lerne". Da seine Eltern in nicht sehr guten Vermögensumständen sich befanden, so mußte der Knabe oftmals die Küche besorgen, während die Eltern ihren Geschäften nachgingen; aber auch am Kochheerde ließ er die geliebte «nm nicht aus der Hand. Kaum 14 Jahre alt, ging er noch Hanau, um bei tem dortigen Rabbiner, dem berühmten Rabbi Moscheh Tobiah Sondheimer V'p W'?, seine Studien fortzujetzen. Der kleine Knabe besaß bereits ein so ausgebreitetes Wissen, daß man ihm nicht glauben wollte, daß er erst 14 Jahre zähle. Er wurde bald der Lieblingsschüler seines großen Lehrers, den er sich auch üi Bezug auf dessen nurunn zum Muster nahm. So fastete er 40 D’ruyn vor dem Versöhnungstage, Abends zum Imbiß nichts als Kartoffeln mit Salz zu sich nehmend. Jahraus, Jahrein, ging er tagtäglich in die Mikwah, selbst dann, wenn eine Eiskruste das Wasser bedeckte. Aber nicht diese ascetische Lebensweise war ihm Hauptsache, sondern das fleißige Lernen, und so kam es, daß er von seinem großen Lehrer die nsom mm (Rabbiner-Diplom) erhielt, als er kaum 19 Jahre zählte. Nun erst fing er an, auch in den profanen Wissenschafteu sich gediegene Kenntnisse zu erwerben. Unterdeß war eine Zeit herangebrochen, die dem Judenthume nicht günstig war. Ueberall erhob die sogenannte Reform das Haupt, und die vieltausendjährige Lehre unseres Gottes sollte umgestaltet, verfälscht, vernichtet werden. Um diese Zeit wurde Rabbi Mordechai Wetzlar p'O zum Rabbinen des Kreises Fritzlar ernannt; da aber die isr. Bewohner der Kreishauptstadt in ihrer Lebensweise sich dem echten Judenthume entfremdet hatten, so zog es der junge Rabbiner vor, seinen Wohnsitz in einem Dorfe, Gudensberg, aufzuschlagen, weil in diesem Dorfe eine fromme jüdische Gemeinde sich befand und G. s. D-, noch heute sich befindet. Die Wirksamkeit, die Rabbi Mordechai Wetzlar y"z an diesem kleinen Orte entfaltete, zu schildern, ist unsre Feder zu schwach. Nicht allein, daß er unablässig Schüler um sich sammelte, die er für die Thora und für das echte, jüdische Leben begeisterte, nicht allein, daß er der Freund, der Berather, der liebevolle Vater seiner Glaubensgenossen in dem von ihm verwalteten Kreisrabbinat wurde, er wurde, wenn auch nicht dem Namen nach, so doch thatsächlich der Oberlandesrabbiner des Kurfürstenthums Hessen, da sein Einfluß der weitgehendste war und Alle, die ihn kannten, Reich und Arm, Vornehm und Gering, Alt und Jung, Jude und Nichtjude, mit unbeschreiblicher Liebe und Verehrung an ihm hingen. Niemand konnte sich dem Zauber seiner Persönlichkeit entziehen; war er doch die personificirte Güte und Sanftmuth! Wenn es aber die heilige Religion Israels betraf, so entwickelte der ehrwürdige, liebevolle, sanfte, gutherzige Mann, einen Eifer, eine Energie, die alle Hindernisse überwanden und alle bösen Regungen, die sich seinem Blicke zeigten, im Keime erstickten. Nachdem er 46 Jahre lang auf seinem Posten ausgeharrt hatte, entschloß er sich, zu seinen Kindern nach Frankfurt a. M. zu übersiedeln, wo sich ihm, nachdem ihm auch viel Leid widerfahren war, der Abend seines Lebens recht sonnig gestaltete. Er starb, wie er gelebt hatte: sanft, gottergeben — bis zum letzten Augenblicke im vollen Besitze seiner Geisteskräfte. Nach Eingang des zweiten Sabbat Chanukah wurde er in einem Alter von 78 Jahren und 3 Monaten von hinnen gerufen. Wiewohl erst nach Ausgang des Sabbats der Telegraph die Trauerkunde verbreiten konnte,

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