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Der Israelit · 1878-12-18 · Heft 51 (18.12.1878) · page 13

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 51 (18.12.1878)
Date
1878-12-18
Page
– (sequence 13)
Language
German
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Väiern oder Großvätern gehört haben. Einen Enkel eines der Haupthelden dieser Geschichte habe ich persönlich gekannt — er ist vor wenigen Monaten zu seinen Vätern versammelt worden — und dieser hat mir die Wahrheit der nachstehenden Erzählung bestätigt. Kennst Du, lieber Leser, daS freundliche Städtchen Bingen am Rhein? Die Stadt ist uralt, hat schon zur Römerzeit vor fast zweitausend Jahren existirt, und ebenso alt mag wohl die dortige jüdische Gemeinde sein. Große Rabbinen haben daselbst gelebt und gelehrt und viele Schüler um sich versammelt. Die Stadt erfreut sich einer? wundervollen Lage, und auf den rebenbekränzten Bergen ringsum wächst der beste Wein weit und breit: der Scharlachberger, der Johannisberger, der Rüdesheimer, der Asmannshäuser — das sind Namen, die den Weinkenner mit Entzücken erfüllen. In dem Augenblicke, in dem unsre Geschichte beginnt, war's in Bingen nicht gerade sehr angenehm. Es war im December und schneite unaufhörlich. Dazu blies aus dem Wisperthale der scharfe Wisperwind, und wer nicht hinaus mußte in das entsetzliche Wetter, der blieb hübsch daheim beim warmen Ofen. Mitten im Schneesturm wanderte ein armer Knabe, mit dünnen, zerfetzten Kleidern, mit zerissenen Schuhen, durch die Straßen I von Bingen. Er sah schüchtern die Häuser an, j emsig ausspähend, wo er etwa eine Mesusah an der Pforte entdecke. An Leuten auf der Straße, die man fragen könnte, ist in dem stillen Städtchen selten Ueberfluß, und nun gar erst, wanns schneit, und der scharfe, eisige Wind den Schnee ins Gesicht treibt! Endlich begegnet der Knabe einem Manne. „Können Sie mir wohl sagen", redet er ihn an, „wo ich hier die Judengasse finde?" „„Armes Kind"", sagte der Angeredete, „„in dem Wetter auf der Gasse, in Lumpen gehüllt, mit zerissenen Schuhen! Du bist ja ganz blau vor Kälte! Komm mit mir in mein Haus, daß Du Dich wärmest und Dich erquickest."" Da leuchtete aus dem Auge des Knaben ein Strahl der Freude und der Dankbarkeit, der dem Manne tief ins Herz drang. Das Haus in der Judengasse war bald erreicht. Es war kein Palais; Paläste standen überhaupt in der Binger Judengasse nicht. Wie armselig jene Hütten damals meistens waren, davon kann man sich heute nicht mehr überzeugen, denn die Binger Judengaffe ist seitdem einigemal abgebrannt und neu wieder aufgebaut. „Wen bringst Du da, Joseph?" fragte eine Frau den in das Zimmer tretenden Mann. „Hole schnell etwas zu essen herbei, Schönchen", sagte Joseph anstatt der Antwort. „Koche auch eine warme Suppe. Siehe einmal, dieses unglückliche Kind, mit den Lumpen, in dem Wetter!" Schnell war der Tisch gedeckt und Brod und Butter und Käse herbeigeholt. Die Milchsuppe mußte erst noch gekocht werden. Unterdeß hatte Joseph den Knaben in die Küche geführt, wo dieser sich die Hände wusch. Schönchen hatte die Suppe schnell aufgestellt und war schon wieder da und schnitt das Brod in Scheiben und bestrich die Brodscheiben mit Butter und legte Käse darauf, und dann fing der fremde Knabe an zu essen mit einem Wppetite, der wahrhaft herzecfreuend war. Und als nun gar die warme Milchsuppe kam, .da leuchteten die Augen des Kindes vor Vergnügen, und bald war Alles verzehrt: die Suppe, das Brod, die Butter und der Käse. Schönchen wollte noch mehr herbeiholen; aber der ausgehungerte Knabe war endlich gesättigt. Er sprach das Tischgebet mit Gefühl und Andacht, und als er an den Passus kam: der Barmherzige segne den Herrn dieses Hauses und seine Frau, die Herrin dieses Hauses", da stoffen Thränen der Dankbarkeit aus seinen Hellen Augen. „Und nun sage mir, mein Kind", sprach Joseph, „wie Du heißest und woher Du bist, und wer die Unmenschen sind, die' Dich bei dem Unwetter hinausgeschickt haben?" „Ich heiße Samuel", sagte der Knabe, „und bin aus Steeg, einem Dorfe unweit von Coblenz. Meine Mutter ist lange todt, und mein Vater ist vor wenigen Wochen gestorben. Ich habe keine näheren Verwandten, und die wenigen Jehudim, die in meinem Heimathsdorfe wohnen, sind selbst sehr, sehr arm. Da mußte ich hinauswandern in die Fremde und mein Brod an den Thüren suchen." „„Armes Kind!"" sagte Joseph. „„Und wenn Du nun nicht mehr zu betteln brauchst — was möchtest Du dann wohl werden?"" „Ich habe bei meinem Vater, olow hafcholaum, Gemoro gelernt; ich möchte weiter „lernen." „„Schönchen, ich glaube, die Kleider von unferm Abraham werden dem Jüngelchen passen. Hole einmal Rock, Hofe und Weste, Hemd, Strümpfe und Stiefel herbei." ,;Aber, Joseph . . . ." „„Thue, wie ich Dir gesagt habe, Gott zahlt'-."" Die Frau holte Alles herbei; die Kleider paßten so ziemlich; die Stiefel waren etwas zu groß.

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