Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 50 (11.12.1878)
- Date
- 1878-12-11
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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1238 Feuilleton. Simon Weding. Erzählung aus dem Anfang des neunzehnten Jahrhunderts von 8. Hohn. (Verfasser von „Gabric I".) (Schluß.) Rabbi Michael Bacharach halte Wort gehalten, trotzdem sich dos Gerücht von Simon Redings Schuldlosigkeit, mit Blitzesschnelle in der Gemeinde verbreitet hatte, und Hunderte, die ihm früher verächtlich ausgewichen — darunter auch der Garkoch Gerschom Goldbrenner und die beiden Winterthal — sich nun beglückwünschend an ihn herandrängten, war doch die Erklärung seiner Unschuld am nächsten Sabbat in allen Synagogen in den schmeichelhaftesten Ausdrücken für ihn verkündet worden. Obwohl die Zeugen von Tarnowers Geständniß tiefes Schweigen über dasselbe bewahrten, leitete doch der Zusammenhang der Thatsachen auf die Spur der Wahrheit. Daß Tarnomer die Kinder des vor achthalb Jahren bestohlenen Erdmanns und den vermeintlichen Dieb, zu seinen Erben einsetzte , und daß gleichzeitig Simon Redings Unschuld versichert wurde, war ebenso ausfallend, als der Umstand, daß Rabbi Joel Pttwers Erzählung in der Droscho, offenbar und allen sichtbarlich einen erschütternden Eindruck auf Tarnower gemacht hatte; und endlich auch die Ungewöhnlichkeit, daß ihm bei seinem Leichenbegängnisse keine Leichenrede gehalten worden war, und die richtig Combinirenden gelangten bald auf die rechte Fährte. Je unerklärlicher die geahnte Wahrheit blieb, desto lieber ward sie geglaubt, denn das Volk liebt das Dunkle, dieses intereffirt es, zieht es an, — Jeder glaubte — wohl mit Recht, — das Geheimniß errathen zu haben, aber man tauschte die Ansichten über diesen Vorfall nur leise ftüsternd aus; — und aus Rücksicht für die Hinterbliebenen ehrte man das Andenken des Verstorbenen; wenn auch nur durch halbes Schweigen. Rabbi Michael Bacharach hatte auch sofort in Begleitung des ersten Gemeindevorstehers und Markus Erdmanns Audienz bei dem Oberstburggrafen und dem Appellationspräsidenten genommen, um die Rehabititation Redings zu erlangen, aber es war in dieser Angelegenheit eine längere Procedur auf schriftlichem Wege nothwendig, welche Dr. Endtitz mit Eifer und Geschick zu Ende führte. Das Ergebniß war nicht nur ein günstiges, sondern ein geradezu überraschendes geworden. Ein Deeret der obersten Justizbehörde in Wien hob — wie sich dies von selbst verstand — alle Folgen der Berurth ilung auf, allein da die Aufmerksamkeit der Behörden auf Reding gelenkt worden war, und man seine Personalacten vor und während seiner Strafzeit erhoben, hatten die Behörden in Erfahrung gebracht, daß Reding sich nicht nur früher musterhaft bekommen, sondern daß er sich während der langen unverdienten Strafzeit, durch sein völlig tadelloses, man kannte wohl sagen, beispielloses, Benehmen, die volle Zufriedenheit der Gefängniß-Direction, sa sogar kurz vor seiner Entlassung aus der Strafanstalt ein großes Verdienst erworben, derart, daß ihm dieses, auch wenn seine Strafzeit nicht abgelaufen gewesen wäre, die Pforten seines Kerkers geöffnet hätte. Er hatte nämlich mit Lebensgefahr ein Kind des Festungs-Commandanten, das in einen tiefen Brunnen gefallen war, heraufgeholt, und die Regierung fand Gelegenheit Reding in einer sichtbaren, augenfälligen Weife zu rchabilitiren, und über Antrag der höchsten politischen und der höchsten Justizbehörde des Landes, des Gubernimus und des App.llationsgerichtes, verlieh Kaiser Franz, an Reding — bem ersten Juden „ der eine solche Auszeichnung erhielt — die silberne Verdienstmedaille. Auch erhielt er die Bewilligung zu seiner Heirath mit Wilhelmine Erdmann vom böhmischen Landesgubernium mit einer Raschheit, die damals geradezu Staunen erregte. Er halte auch das Glück, daß Rabbi Michael Bacharach noch die Trauung vornahm; bald darauf starb der würdige Greis. Reding lebte glücklich und zufrieden inmitten zahlreicher Freunde, die ihn liebten und verehrten, und Kele Liblitz sah in ihrem hohen Alter noch das Glück ihrer geliebten Wilhelmine, und beschäftigte sich mit der ersten Erziehung ihrer Kinder. Auch Dinah, die alte Köchin, welche bei dem Ableben von RedingS Mutter anwesend gewesen, wurde seine Hausgenossin und lebte ruhig und friedlich, dem Namen nach die Oberleitung über die Küche führend, in seinem Hause. Die Trauung Markus Erdmanns mit Karoline fand erst nach Ablauf des Trauerjahres statt. Obwohl er auch seiner Gattin das Geständmß ihres Vaters verheimlichte, so hatte sie cs doch bald durchblickt und war namentlich ihrem Schwager Reding dankbar für das Zartgefühl, mit welchem er es vermied, auf sein Unglück und dessen Ursprung zurückzukommen. Fanni WersHadetz wurde von ihrer Nichte und deren Gatten als Mutter geehrt und geachtet, und die kleinen niedlichen Kinderchen, die einige