Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 49 (4.12.1878)
- Date
- 1878-12-04
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447793--15572-2471526- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
.»w 1200 zu haben; das betrifft nun vorzugsweise den Unterzeichneten, der sich darum durch einige Worte mit dem Schreiber des betrefflichen Artikels auseinandersetzen möchte. „Die Schnorrerei-, die, wie der Vers, sagt, „auf die jüdischen Blätter sich geworfen", betrifft: „bald eine Feuersbrunst, welche die armseligen Hütten in einer kleinen, russischen Stadt verzehrte; bald soll in einem entlegenen polnischen Städtchen ein bequemes Beth hamidrasch errichtet werden." — Ich wüßte nicht, daß unsrerseits nur eines einzelnen temon n’3 wegen jemals ein Aufruf erlaffen worden wäre, obschon sich dazu häufig Gelegenheit bot, sei eS, daß das alte wegen Baufälligkeit nicht mehr benutzt, daß eS polizeilich geschloffen oder von böswilliger Hand zerstört worden war. Zumeist war das emon n’3 bei dem Stadtbrande mit eingeäschert worden und bezogen sich selbstverständlich die Sammlungen für die abgebrannte Stadt auch auf das mitabgebrannte «man no. Aber, hätten wir uns auch beikommen lassen für den Bau eines einzelnen emon n’3 zu sammeln, eines allzugroßen Unrechtes würde man uns darob nicht zeihen können, denn ich wage den verwegenen Ausspruch , so ein verachtetes, russisches tcmon n’3 übertrifft, selbst an humanitärem Werthe die „bewährtesten Wshlthätigkeitsanstalten" in Deutschland. Weiß vielleicht „der Mann von der Leine" was ein temon n’3 ist? Schwerlich! denn weder an der Leine, noch auf der ganzen Lüneburger Haide wird ihm jemals eines begegnet sein, haben doch beinahe in ganz Deutschland die Häuser zu existiren au'gehört, wo man rein um die Sache selbst willen (n'Dff svh) mit dem Talmudstudium sich befaßt. Wäre es nicht schon um deßwillen angezeigt, den Aufbau solcher Häuser nach besten Kräften zu fördern? Aber das ist nicht einmal der Hauptwenigstens nicht der alleinige Zweck eines solchen russischen amon n’3. Wie deutsche Gemeinden ohne ihre „bewährtesten WohlthätigkeitSanstalten" existiren können, ist schon denkbar; ihre Kranken, Wittwen und Waisen werden auch ohnedies nicht verkommen, Vermögen und Wohlthätigkeitssinn der deutschen Glaubensgenossen wirdS nicht zulassen. Wie aber eine arme russische Gemeinde ohne enion no existiren will, ist rein undenkbar. Ich habe diese Gemeinden genau kennen gelernt, sie liegen ja in unserer unmittelbaren Nähe, namentlich standen wir mit denselben in den Jahren deS NothstandeS in genauestem Verkehr. 256 Ortschaften erhielten damals Unterstützungen, ziemlich reichliche, wöchentliche Unterstützung, ohne es verhindern zu können, daß trotzdem 20,000 Menschen an Hunger und schlechten Nahrungsmitteln zu Grunde gingen. Eine solche Gemeinde, das will sägen, eine solche Stadtbevölkerung; denn alle diese Städte haben nur jüdische Bevölkerung — hat. wenn sie nicht sehr zahlreich, d. h. etwa 1000 Seelen nicht übersteigt, nur dies eine tcmon n’3, das gleichzeitig Lehrhaus, Gotteshaus, Gemeindehaus, Armenhaus, Krankenhaus, öffentliche Verkehrsanstalt u. s. w. u. s. w. ist. Da sitzen Meister und Jünger und lernen, dahin kommt die Gemeinde zu den Gebetzeiten, um zu beten. Wie der Deutsche nach Schluß des Geschäfts in ein Wein- oder Bierhaus, so geht der Russe deS Abends in sein tcmon n’3, lernt seinen Abschnitt, liest vielleicht auch seine hebräische Zeitung, die er dort findet. Jeder Bedrängte und Fremde — dort sucht er Hilfe, findet auch dort, in den Nebenräumen, ein Nachtlager. Während bei furchtbarer Winterkälte vielleicht mehrere Familien sich zusammenthun und ein Zimmer h'izen, wo Frau und Kind am wärmenden Ofen sich bergen, gehen die Männer mit den altern Knaben ins tcmonn’3, dort ist für die ganze Gemeinde geheizt und Tag und Nacht offen. Damit habe ich nur zum kleinsten Theil die Gebrauchs¬ und Verkehrsarten andeuten wollen, denen das tcmon n’3 dient. Die deutsche Stadt könnte viel eher ohne ihre öffentlichen, dem Vergnügen, dem Verkehr, dem Unterrichte und der Religion dienenden Anstalten existiren, als die russtsch-jüdische Stadt ohne tcmon n’3. Das Einzige, was daS armselige Leben unserer russisch - jüdischen Glaubensgenossen noch einigermaßen erträglich macht, ist das tcmon n’3. Das Erste, woran man denkt, wenn man zum Wiederaufbau einer abgebrannten Stadt schreitet, ist das tcmon n’3. Hat nun „der Mann von der Leine" zu wenig Herz oder zu wenig Phantasie oder aber beides, daß er „die Feuersbrunst, welche die armseligen Hütten in einer kleinen russischen Stadt verzehrte", als eine ganz unbedeutende, wenig kümmernde Sache hinstellt? Hat er denn gar keine Ahnung von der Schwere des entsetzlichen Unglücks, welches ein solcher Brandschaden mit sich führt? Innerhalb weniger Stunden wird so eine russische Stadt, der feuergefährlichen Bauart, des rasenden Windes wegen, der die weiten Ebenen durchsaust, ein Raub der Flammen. Selten kann etwas gerettet werden, noch viel seltener oder fast niemals ist etwas versichert. Die Bauart der Häuser ist meist eine recht solide. DaS HauS besteht meist nicht auS leichtem Fachwerk, sondern ist massiv aus Holz, Balken auf Balken geschichtet und eng gefugt und verbunden, errichtet. - Manche gut gelegene Städte sind auch gut situirt, das Alles geht mit einem Schlage verloren und Alle werden plötzlich gleich arm und elend. Wer das Elend sehen