Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 44 (30.10.1878)
- Date
- 1878-10-30
- Page
- – (sequence 7)
- Language
- German
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1035 Feuilleton. Aaööi Zoselmann von Uosheim. Eine historische Erzählung. XV. Voll Sehnsucht wartete im Gasthofe „Zur Katz" Abraham von Colmar auf die Rückkehr Rabbi Joselmanns. Er saß in dem Zimmer, das der Wirth den beiden Juden einzeräumt hatte und sagte „Thillim", das heißt, er las in den Psalmen; denn das Lesen in den Psalmen ist für den Ungelehrten, was die Beschäftigung mit dem Talmud für den Gelehrten ist; Gott nimmt Beides gleich wohlgefällig auf. So suchte Abraham seinerseits das Gelingen der Mission Rabbi Joselmanns zu befördern. Endlich erschien der Ersehnte. „„Nun, wie ist es gegangen?''" rief ihm Abraham entgegen. „„An Eurem freudestrahlenden Gesichte erkenne ich, daß Ihr guten Erfolg gehabt habt."" „Ihr habt cs errathen. Der Kaiser war außerordentlich gnädig gegen wich. Gelobt sei Gott, der die Anschläge des Feindes zerstört hat. Das böse Verhängniß' ist abgewendet. Unsere heiligen Bücher werden nicht verbrannt werben." . „„Und die Juden von Colmar?^" „Ich habe noch nicht von ihnen gesprochen." „„Daß Gott erbarm! Noch nicht? wann denn?"' „Ich werde morgen wieder Audienz beim Kaiser haben." „„Und werdet Ihr Euch morgen dem Kaiser zu Füßen werfen, auf daß er den Austreibungsbefehl zurücknehme?"" „Ich kann es Euch nicht versprechen. Der Kaiser hat so viel zu fragen, da muß ich antworten, und so vergeht die Zeit. Ich kann nicht mit dem Kaiser reden, was ich will, sondern ich muß auf das eingehen, was er mit mir spricht." „„Rabbi Joselmann, bedenkt das Elend und die Trauer und die Verarmung von 200 jüdischen Familien! Erbarmt Euch unsrer Säuglinge und! lallenden Kinder."" j „Braucht Ihr.m i r das Alles zu sagen, Abj raham? Wahrlich, wenn ich Euch zu helfen ver- > mag, so geschieht es. Aber bringet nicht länger j in mich. Meint Ihr, es sei erlaubt, die edle Zeit! mit unnützen Worten hinzubringen?. Kommt, wir j wollen uns mit GotteS heiliger Lehre beschäftigen." „„Wehe mir, ich kann nicht lernen."" „So will ich Euch belehren, soviel ich es vermag. Ihr habt da das Psalmbuch aufgeschlagen vor Euch liegen. Aschre ho Jsch, Heil dem Manne. Warum fing David das Psalmbuch mitAfchrö an?" „„Welch' eine Frage! Wenn er mit „Uwo lezion" angefangen hätte, so würdet Ihr fragen, warum er mit Üwo lezion anfängt." „Richtig; dann würde sich auch dafür ein Grund angeben lassen; denn. in unser« heiligen Schriften ist nichts ohne Grund, nichts ohne Bedeutung. Seht die Väter der Welt haben gesegnet, und der Folgende hat immer da angefangen, wo der Vorhergehende aufgehört batte. Mit demselben Worte, mit dem unser Vater Abraham seinen Segen schloß — wajiten— fing Jizchak den seinigen an1 2 3 4), und womit dieser aufhörte — wajikro 5 6, — begann Jakob, und womit Jakob schloß — wesauß*) — fing Moscheh an5); Moscheh aber beschloß seinen Segen mit den Worten „Aschrecho Jisroel, Heil Dir Israel^)," und deßhalb fing David seinen Segen, sein Psalmbuch, mit „Aschre" an." In dieser Weise fuhr Rabbi Joselmann zu lehren fort; er war nie müssig; all sein Denken gehörte, stets und immer,- in jedem freien Augenblicke dem Studium der Gotteslehre. So . verging der Tag und auch der größte Theil der Nacht. Am andern Morgen, vor der neunten Stunde, harrte Rabbi Joselmann im Vor zimmer des Kaisers. Sernteimer hatte das vaanäatuin re^mm ausgefertigt, das den Juden ihre Bücher zurückzugeben befahl; der Kaiser hatte es eigenhändig unterschrieben. „Hier, Joselin," sagte der Kaiser, „nimm dieses; es enthält die Gewährung Deiner Bitte." Rabbi Joselmann küßte das Schriftstück und sprach: „„Majestät, wir und unsere Kinder werden stets für das Leben, die Gesundheit und die glückliche Negierung Eurer Majestät zum allmächtigen Gott flehen und beten."" „Und nun, Joselin, sage mir aufrichtig: was erhälst Du von den Juden für die Mission, die Du soeben vollbracht hast?" „„Man hat mir zweihundert Gulden als Reisekosten ausgesetzt; da ich aber voraussichtlich 1) 1. B. M. C. 25, V. 5. 2) Das. C. 26, B. 28. 3) Das. G. 28, V. 1 4) Das. C. 50, V. 28. 5) 5. B. M. C. 36, L. 1. 6) Das. P. 29.