Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 43 (23.10.1878)
- Date
- 1878-10-23
- Page
- – (sequence 22)
- Language
- German
- Belongs to
- journal issue
- OCR quality
- 95% known words query
- IRI
…/2446951-2447747-2447787--15446-2471394- Visual Library
- page viewer of the UB Frankfurt
OCR text
Löbliche Gemeindevorstehung! Verehrte Glaubensbrüder! AlS wir die schrecklichen Verluste wahrnahmen, welche die am 31. August l. I. unsere Stadt verheerende Ueberschwemmung im allgemeinen und insbesondere unfern Glaubensbrüdern an Menschenleben und an Vermögen znfügte, da durfte die gefertigte Vorstehung der hiesigen orthod. isr. Muttergemeinde mit Recht die Erwartung hegen, daß Angesichts eines solchen harten und solcher fühlbaren Opfer geforderten Verhängnisses, die vor einem Jahre aus dem Schoße der Muttergemeinde ohne begründete Ursache ausgeschieden — laut amtlicher Constatirung — 77 Gemeindemitglieder, die sich als jüdische Sefard-Gemeinde eonstituirten, nunmehr ihre separatistischen Bestrebungen aufgeben und wieder in den Verband, der seit dem 18. Februar 1875, mit dem Aufgebote vieler Opfer wiedervereinigten Muttergemeinde zurückkehren werden , um mit vereinter Kraft dahin zu wirken, das Elend der einzelnen verunglückten Gemeindeglieder lindern, die der Gemeinde an ihren Gebäuden und an ihren gemeinnützigen Institutionen widerfahrenen imemnsen Schäden ersetzen zu können. — Allein gar so bald sahen wir uns in unserer berechtigten Erwartung getäuscht. Schon am 3. September («yn »a dp) ehe wir noch von dem überwältigenden Schrecken der überstandenen Gefahr uns erholen konnten; wo die Gräber über die zahlreichen zum Opfer gefallenen Familien sich noch nicht geschloffen hatten, unsere Thränen noch nicht getrocknet waren, verfaßte die hiesige Sefard-Gemeinde einen separaten Hilferuf an sämmtliche Gemeinden des In- und Auslandes, in welchem sie von sich sagt: lrn^np wm "dnt nny "i mon^Da noctcr 'tp Eine solche Phrase zu solcher Zeit gebraucht, wie überhaupt dieses Vorgehen, beleuchtet zur Genüge, daß mit diesem erwähnten Circular Seitens der hiesigen „Sefardim" angestrebte Ziel, nämlich das Unglück zu Selbstzwecken und zur Schädigung der von der Muttergemeinde hehren und humanitären Interessen auszubeuten. — Mehrere Mitglieder der Muttergemeinde bemühten sich den Vorsteher der Sefard-Gemeinde von diesem Vorhaben abzuhalten und zu einem gemeinschaftlichen Vorgehen zu bewegen. Es wurden von diesem wohl Zusagen gemacht, allein nur in der Absicht, um die Vorstehung der Muttergemeinde in Unthätigkeit hinzuhalten und hinters Licht zu führen. Als am folgenden Tage die Sefardim ihre Circulare versendeten, constituirte sich das Hilfscomit« der Muttergemeinde und erließ unseren vom 4. Sept. datirten Hilferuf, ohne auch nur mit einem Worte das Vorgehen der Sefard-Gemeinde nach Gebühr zu geißeln. Das Comitä hat sich einzig und allein von dem heiligen Zweck leiten lassen, die Muttergemeinde und deren Institutionen insbesondere, die laut Beilage heilsam wirkenden Schulen zum Frommen und Nutzen der Armen vor dem Verfalle zu bewahren. Unser Hilferuf hat, Dank den unfern Glaubensgenossen eigenthümlichen Mitleidsgefühlen und ihrer ererbten Mildthätigkeit, durch göttlichen Beistand, allenthalben Gehör gefunden. Die nahe gelegenen Gemeinden und einzelne Glaubensbrüder beeilten sich anfangs, uns Brodsendungen zukommen zu lassen, die an Jedermann, der nur verlangte, ohne Unterschied der Partei, ja selbst der Confession vertheilt wurden. Die auch von entfernteren Gemeinden eingelangten Kleidungsstücke und Wäsche, wurden nach vorher am Sabbat im Tempel ergangener Kundmachung, daß die Hilfsbedürftigen, ohne Unterschied der Partei sich einsinden mögen, bisher an400 verunglückte Familien in mehr oder minderer Quantität verabreicht. Von den bereits eingelangten Geldbeiträgen sind im Sinne unseres Aufrufes sofort die beiden Synagogen gereinigt, die nothwendige Gebäudefchäden-Reparatur, die einstweilige Adaptirung des auch von dem Sefardim benützten Tauchbades und der nothwendige Umbau und die Einrichtung, der auch von den Kindern der Sefardim zu ermäßigten Schultaxen und gratis frequentirten Schulen in Angriff genommen worden; sonst aber weil zuerst eine genaue Zusammenschreibung und Clasfificirung der Hilfsbedürftigen ohne Unterschied der Partei, wie dies auch bei .der Stadt geschieht, durch eine eigens hiezu entsendete Commission stattfinden muß, wurde mit Ausnahme der Kranken und Wöchnerinnen, noch Niemand mit Geld betheilt, sondern hiezu Ende October die Localmiethe-Quartalzeit und die Zeit des Eintritts der rauhen Witterung als geeignet in Aussicht genommen. An die Ausschließung von hilfsbedürftigen Verunglückten, ob Sefard oder nicht, wie dies mit unzähligen Beweisen constatirt werden kann — wurde gar nicht gedacht. Aber auch das kann constatirt werden, daß auch der Aufruf der Sefard-Gemeinde Gehör gesunden, und ihnen wie dies erweisbar ist. Beiträge zugekommen sind, verhältnißmaßig in größerem Maaße als der orthod. Muttergemeinde. Es siel dem Hilfscomits nicht ein darüber ungehalten zu sein. Nicht so die Sefard-Gemeinde. Diese erließ an sämmtliche Gemeinden, auch an solche, mit denen sie nach vor den Behörden wiederholt feierlichst abgegebenen Erklärungen, nichts gemein haben dürften, und auch in den Spalten des in Mainz erscheinenden „Israelit" einen neuen Aufruf, in welchem es auf die Verunglimpfung und Verlaumdung der hiesigen orthod. Muttergemeinde abgesehen ist. Im Bewußtsein unseres gerechten und nach