Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 40 (2.10.1878)
- Date
- 1878-10-02
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
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Erste Beilage ju Nr. 40 des Israelit. Leitender Artikel. Wittheiümgen vom Deutsch-Israel. Hemeindebunde. H. Der Bericht enthält noch manche Punkte, welche die Kritik herausfordern, wir lassen hier noch einen solchen folgen, der geeignet ist, die Art und Weise der Behandlung zu charakterisier«, welche specifisch jüdische Anliegen zu gewärtigen haben, wenn ihnen der Gemeindebund seine Aufmerksamkeit zuwendet. Der Gcmeindebund hat bei dem deutschen Reichskanzleramt darum petitionirt, den Versöhnungstag von Rechtswegen mit der Weihe bürgerlicher Giltigkeit zu versehen. Die Petition, welche bekanntlich abschlägig deschieden wurde, wird in dem vorliegenden Bericht ihrem Wortlaut nach mitgethcilt. „Von den 13 biblischen jüdischen Feiertagen im Jahre," heißt eS unter Anderem daselbst, „die noch heute wie vor Jahrhunderten streng begangen werden, (vier Tage Passah, zwei Tage Sche(?)wuoth, zwei Tage Neujahr, ein Tag Bersöhnungsfeft, zwei Tage Laubhüttenfest, zwei Tage Beschlußfest und Thora-Freudenfest) hebt sich einer hervor: der Versöhnungs-Jom Kippur. Wie ihn die Bibel (3. Buch Mose Cap. 23) vor allen anderen Festen hervorhebt als „Versöhnungstag, Euch zu versöhnen vor dem Ewigen, Eurem Gotte" (ib. 32) als Ruhetag von einem Abend bis zum andern (ib. 32) von denen alle Arbeit unterbleiben (ib. 31), jede Seele sich kasteien soll sib. 29), wie hier stärker und schärfer als bei jedem anderen Ruhe- und Festtage ein Gebot für alle Geschlechter und alle Wohnorte (ib. 31) bei Strafe der Ausrottung Zuwiderhandelnder (ib. 30) ausgesprochen ist, — so hat sich gerade dieses Fest im Laufe der Zeiten fordauernd als das bedeutungsvollste, höchste und heiligste der jüdischen Feste erhalten. Die Verschiedenheit der religiösen Schattirungen hat dieWeihe diesesTages nicht angetastet. Der Gottesdienst findet vom frühen Morgen bis zum Abend ununterbrochen statt. Während die Mehrzahl unserer Glaubensgenossen — darunter auch solche, welche sonst vom Ceremoniell sich fern halten — diesen ganzen Tag, oder doch den größten Theil desselben fastend im Gotteshause zubringt, die der strengeren Richtung huldigenden unter ihnen sogar stehend, im Todtenhemd — fassen Freisinnigere diesen Tag als den einen Tag im Jahre auf, an dem sie Einkehr in sich halten, an dem sie, fern von allen Lebenssorgen und Zerstreuungen ihre Seele rein und frei dem Höchsten zuwenden. Dieser eine, von allen Israeliten auf dem Erdenrund gleich hochgehaltene, dem Frieden, der Versöhnung, der Seelenläuterung gewidmete Tag, von dem es heißt: „Denn an diesem Tage wird er (Gott) euch versöhnen, euch'reinigen, von allen euren Sünden sollt ihr rein werden" (3. B. Mose 16, 30). Diesen Tag des religiösen Aufschwungs, mag ihn nun der Orthodoxe realistischer, der Rationalist idealer auffassen, verdient um dieses seines für eine nicht unbeträchtliche Seelenzahl läuternden Einflusses willen vom gesetzgeberischen und culturfördernden Standpunkte aus gewiß einige Berücksichtigung." — Wir wollen hier nicht untersuchen, ob es sich vom Standpunkt des jüdischen Gesetzes aus rechtfertigen läßt, den Versöhnungstag gerade herauszugreifen, und ob nicht z. B. das, was hier für den Jom Kippur verlangt wird, für jeden einzelnen Sabbat im vielleicht noch viel höheren Grade wünschenswi rth sei, wir wollen von diesem Gesichtspunkte, obwohl er der nächste, ja der einzige hier in Betracht kommende ist, absehen. Aber selbst zugegeben, daß Opportunitätsrücksichten die Beschränkung auf einen einzigen Tag rechtfertigen könnten, die wahrheitswidrige Art und Weise, wie hier der Jom Kippur auf Kosten der anderen jüdischen Feiertage dargestellt wird, muß gerechtes Befremden erregen. Zunächst ist es eine ganz neue Entdeckung des Leipziger Gemeindebundes, daß wir 13 biblische Feiertage hätten. In unseren Bibelausgaben finden sich nur 6, den Sabbat noch dazu gerechnet, 7, das lehrt ein Blick in eine deutsche Bibelübersetzung, die doch auch dem Reichskanzleramte zugänglich ist, wenn es auch nicht so glücklich ist, wie der Ausschuß des Deutsch-Israelitischen Gemeindebundes, einen Rabbiner und einen entschieden konservativen Juden zu seinen Mitgliedern zu zählen: — Aus derselben Bibelübersetzung ist auch ersichtlich, daß die Behauptung, das Gebot des Versöhnungsiages sei stärker und schärfer als b.i jedem anderen Ruhe- und Festtage für alle Geschlechter und