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Der Israelit · 1878-08-28 · Heft 35 (28.8.1878) · page 8

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 35 (28.8.1878)
Date
1878-08-28
Page
– (sequence 8)
Language
German
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862 „Hart neben mir", sagte Rabbi Jekel „wohnt Salme Diez, der berühmteste Pferdehändler weit und breit." Rabbi Joselmann begab sich zu diesem. „„Borgt mir ein gutes Pferd/' sagte er „ich will Euch den vollen Werth desselben hinterlegen."" „Ich gebe Euch mein bestes Pferd, Rabbi Joselmann," entgegnete der Roßtäuscher, „Ihr braucht mir nichts zu hinterlegen." „„Ihr kennt mich?"" „Gerade heute vor drei Wochen sah ich Euch in Augsburg, als ich dem Antonio Fugger ein Reitpferd ablieferte." Das Pferd war bald gesattelt; Rabbi Joselmann bestieg es, um nach Aschaffenburg zu reiten. Heutzutage fühxt uns der Courierzug in anderthalb Stunden von Mainz nach Aschaffenburg; damals war's eine lange Reise. Es war schön spät am Nachmittage, die Bäume warfen bereits langgedehnte Schatten. Rabbi Joselmann ritt rheinaufwärts, bis er an die fliegende Brücke zwischen Nierstein und Oppenheim kam; dort ließ er sich über den Rhein setzen. Noch eine halbe Stunde ritt er landeinwärts; da begann die Nacht sich herniederzusenken. Rabbi Joselmann hielt sein Pferd an in der Nähe eines Dorfes und fragte einen des Weges kommenden Landmann: „„Wie heißt dieses Dorf?"" „Geinsheim." „„Wohnen Juden daselbst?"" „Gewiß." „„So führt mich zu dem Vorsteher der Judengemeinde."" Der Bauer that also, und Rabbi Joselmann fand eine freundliche Aufnahme. Es war gerade Zeit, in die Synagoge zu gehen zum Abendgebete. Nach dem Gebete kehrte Rabbi Joselmann in das Haus des Vorstehers zurück, wo man ihm ein einfaches Mahl, Milchsuppe und Brod, vorsetzte. Aber es schmeckte dem Hungrigen köstlich. Er hatte für den Tag einen Fasttag gelobt, damit Gott sein Werk gelingen lasse, und aß nun mit gedoppeltem Appetit. Nachdem Rabbi Joselmann feinen Hunger gestillt hatte, bat er um ein hebräisches Buch, damit er den Tag mit dem Studium der Gotteslehre! beschließe. Da brachte man ihm ein prachtvolles, auf Pergament geschriebenes Pentateuch-Exemplar, j das außer dem heiligen Urtext die chaldäische | Uebersetzur-z des Onkeios, die große und kleine Maßora und einen außerordentlich correct geschriebenen Raschi-Commentar enthielt*). Als Rabbi Joselmann das schöne, werthvolle Werk erblickte, stand er auf, hob seine Hände gen Himmel und sprach: „„Gelobt sei Gott, der feine Liebe und Gnade dem Hause Israels nimmer entzieht! Niemals wird der Meschummod in solch entlegene Dörfer dringen, um Jakob seiner größten Schätze zu berauben."" Dann las er eifrig in dem Raschi-Commentar und fand viele von den gewöhnlichen Lesarten abweichende, bessere und correctere. Kaum bemerkte er das, so suchte er eifrig den 22. Vers des 25. Capitels des 2. Buch Mosis auf, wo nach unfern gewöhnlichen Büchern Nascht in seiner Thora einen Buchstaben mehr gehabt zu haben scheint. und als er nun fand, daß hier, in dem ihm vorliegenden, correct geschriebenen Buch, Nascht vollständig mit dem heiligen Urtext übereinstimmte, da küßte er das Buch und sprach, Freudenthranen vergießend: „„Gesegnet sei der Schreiber, der die Worte meines Urahns Raschi so niedergeschrieben, wie sie aus dessen Feder geflossen""**). Die halbe Nacht studirte er in dem Buche und schrieb sich die besseren Lesarten auf. Am andern Morgen in der Frühe nahm er Abschied von seinen freundlichen Wirthen, die noch Kindern und Enkeln von dem heiligen Manne erzählten , den zu beherbergen sie etnst das Glück gehabt hatten. Mittag war vorüber, als Rabbi Joselmann über die Mainbrücke in Aschaffenburg einritt und seinem Freunde, Rabbi Lippmann Doctor, die Bestätigung und den Beweis erbrachte, daß Pfefferkorn im Lande des Kurfürsten von Mainz hebräische Bücher conflscirt hatte. (Fortsetzung folgt.) *) Tie Trümmer dieses prachtvollen Pentateuch - Exemplars, bei einem Brande sehr lcdirt und halb verkohlt, habe ich vor zwei Jahren auf dem Bodenraum der Synagoge zu Geinsheim entdeckt; ich habe die wenigen Uebcrreste Herrn Dr. Bär zu Mosbach-Biebrich zur Berwerthnng für seine Specialwissenschaft, die Moßorah, übergeben. **) In unseren Raschi-Ausgaben findet sich itcN niSN und eine Erklärung für das überflüssige i; in dem erwähnten Manuscript sagt Raschi nx ♦ bl OKI vi kts iv:. Hierzu drei Beilagen. BerauLwortlicht Redaction: Dr. Lehman'-. — Verlag der Le Roux'schen Hosbuchhandlung. Z. Goltslebrn's Lnchdruckeret (Mainzer Anzeiger).

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