Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 35 (28.8.1878)
- Date
- 1878-08-28
- Page
- – (sequence 2)
- Language
- German
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856 reundlichen Prälaten mit allem geistlichen Pomp" gemacht, dem „Fördersamst" nur daran liegt, den Juden für die „Lasterthat" zu bestrafen, daß er ein Chcistenkind erzogen, der allen Einwendungen und Gegengründen nur den unfehlbaren Ausspruch entgegensetzt: „Thut nichts! der Jude wird verbrannt!" Die Weltgeschichte hat zu dieser Lessing'schen Figur zu viele Originale geliefert, als daß Jemand behaupten könnte, sie sei nicht nach der Natur gezeichnet. — Wir haben uns in jüngster Zeit bei Gelegenheitder Abfassung unserer Erzählung: „Rabbi Jijtfmamt von Nosheim" viel fach mit jüdische^^^Rialgeschichte während des Mittelalters beEMM^und überall sind uns diese „Christen Mstrhrun: „Thut nichts! der Jude wird verbrannt", entgegengetreten. Und wie hat erst die Geschickte unsrer Tage den Ausspruch des Patriarchen illustrirt: Denn ist Nicht Alles, was man Kindern thut, Gewalt? — Zu sagen: — ausgenommen, was dieKirch' An Kindern thut. Wer denkt nickt dabei an die Geschichte des unglücklichen Mortara? Man hat Lessing ferner den Vorwurf gemacht, daß alle in „Nathan" auftretenden Personen gute, edle Menschen sind — mit Ausnahme des Patriarchen, der allein ein schlechter Mensch, ein blutdürstiges Ungeheuer sei. Auch gegen diesen Vorwurf müssen wir Lessing in Schutz nehmen. Le;sing läßt den Patriarchen weder etwas sagen noch thun, was nicht die Religion der Liebe in der Thai lehrt, gegen die der Dichter kämpfen will. Gleich zu Anfang des Dramas wird uns des Patriachen Gesinnung durch den Klosterbruder vorgeführt. Der Tempelherr, dem Salczdin das Leben geschenkt, soll diesen an König Philipp verrathen.' Der Tempelherr nennt das ein Bubenstück; der Patriarch aber meint, es gälten hier höhere Rücksichten: das Wohl der Christenheit, der Besitz der heiligen Stadt und des Grabmals des Stifters der christlichen Religion. Es ist das der bekannte Lehrsatz von dem Zwecke, der die Mittel heilige. Auch in seinem berühmt gewordenen „Thut nich's! der Jade wird verbrannt", gibt der Pa-> triach nur den Gesinnungen Ausdruck, wie sie vielfach noch heute oeilndtd sind. Man hat uns unlängst ein in holländischer Sprache edirtes spro- Lestcurtisches) Missionsblatt zugeschickt, in welchem man die volle Schoale -es Zornes über uns ausschüttet, weil wir es gewagt haben (in Nr. 22 u. | 23), von den jüdischen Stammestugenden zu reden. I Die Juden, meinen diese Herren, einerlei, ob Re*! former oder Orthodoxe seien verworfen, weil i sie „an das Fleisch gewordene Wort nicht glauben."! Mag der Jude noch so fromm, gut und edel sein i und handeln, er ist — meinen jene Herren — und | bleibt verworfen; man vermeint Lessings Patriarchen zu hören: „Thut nichts! der Jude wird verbrannt." Aber nicht der Patriarch ist im „Nathan" der eigentliche Repräsentant des Christenthums. sondern der biedere Klosterbruder, dessen ..fromme Einfalt" wir im nächsten Capitel dem Leser vorführcn wollen. (Schluß folgt.) Die Iriedhofsailgelegenheit in Brüssel. - F. In Belgien, im freien Belgien, diesem Hort aller freiheitlichen Bestrebungen, diesem gastlichen Asyl für alle jene Märtyrer, die finsterer Haß und rohe Gewalt aus ihrer Bannmeile gewiesen, in der Hauptstadt dieses Landes, wird seit mehreren Monaten an einem Theil der eigenen Staatsangehörigen ein Gewaltakt verübt, der so einzig in seiner Art dasteht, so grell mit dem Geiste jeder Gerechtigkeit und Duldsamkeit contraftixt. daß er immer wieder und wieder die Aufmerksamkeit des Beobachters auf sich zieht. Es handelt sich um die unerhörte Thatsache, daß man den Israeliten Brüssels ihren Friedhof gewaltsam ges chlv ss e n h at, und fie zwingen will, gegen das Religionsgesetz, ihre Todten gemeinschaftlich mit denen anderer Confessionen zu beerdigen. Warum? Aus sanitären Rücksichten? Nein. Es ist von einer wissenschaftlichen Autorität im Gegentheil der Nachweis geführt worden, daß die Anlegung eines gemeinsamen Centraltodtenhofs und das 'chnstlicherseis dabei beobachtete Verfahren, die sanitären Rücksichten empfindlich gefährdet, während der jüdische Begrübnißmodus besonders empfohlen wird. Aus localen Terrainschwierigkeiten? Ebensowenig. Aus Judenhaß? Noch weniger. — Von diesem traurigen Vorurtheil sind die Brüsseler Municipalbehöcden frei, und es gereicht uns zur Befriedigung, dies öffentlich constatiren zu können. Man übt diese Gewaltthätigkeit, angeblich aus Sinn für Gesetzlichkeit und Rechtlichkeit, man übt Gewalt und beredet sich und andere Recht, und Billigkeit zu schützen und zu fördern.