Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 32 (7.8.1878)
- Date
- 1878-08-07
- Page
- – (sequence 10)
- Language
- German
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788 s nnd wie weit ist das bei einer fo bedeutenden Sache vom Ziele entfernt! Auch meine letzte Arbeit diente diesem Zwecke. Herr Cohen erkennt seinen eigenen Worten «ach, mit mir die Nothwendigkeit an, durch Klarlegung des 'iai oib»n 5i-u der Neuerung ein Hauptsteckenpferd zu rauben. Ist mir's nun zunächst gelungen , die unsinnigen und verderblichen Folgerungen in ihrer ganzen Schroffheit zu zeigen, die aus einer neuerunzsfreundlichen Anwendung dieses Satzes sich ergeben — und Herr Cohen scheint Mir darin beizustimmen, daß Gleichgiltigkeit durchaus den Geist des wahren Friedens nicht ausmacht — wenn ich bewiesen habe, daß fene Auslegung das Judenthum, die Schrift und den Talmud aufhöbe, wenn also der Theil meiner Ausführungen Beistimmung und Unterstützung findet, so ist ein nicht Geringes von meiner Absicht schon erreicht. So weit also geht Herr Cohen seinen eigenen Worten nach mit mir und wird deshalb kaum erwarten, daß ich das widerlegen soll, was ich mit Freude als eine Beistimmung begrüße, worin er sich alL Mitkämpfer mir darstellt. Daß jene Erklärung des Talmudsatzes eine unmögliche sei, darin sind wir eins. Nur in der Frage: „Welche Deutung ist nun die richtige?" scheinen wir uns zu widersprechen. Er findet etwas anderes darin, als ich, und schließt daraus, daß meine Erklärung falsch sei. Herr Cohen wird wohl schon über den Grund gedacht haben, weshalb bei verschiedenartigen Auslegungen des Schriftwortes im Talmud der scheinbare Widerspruch durch das Wort gehoben werden kann: 'p^a naa V?ki Sollte dieses Wort im Sinne der Neuerer angewandt werden, so träte an Stelle des gesetzmäßigen Denkens eine regellose und spitzfindige Deutelei, so daß zuletzt Acher Mit demselben Rechte Anerkennung zu beanspruchen hätte, wie R. Akiba, indem dann Beide gleichberechtigte Vertreter des reinen Gotteswortes wären. Es kann also dies Wort nur auf die Forscher angewandt werden, die mit dem Geiste des Judenthums und der Schrift und mit der Absicht des betreffenden Schriftwortes in Widerspruch zu gerathen sich scheuten, deren reines Streben durch lichtvolle Auslegung das Verständniß fördern und das Judenthum befestigen wollte. Bei der Tiefe des Bibelwortes hat dasselbe zwar nur eine Wahrheit, nur eine besondere Absicht, aber es erwachsen aus der Anwendung derselben lausend neue, die zwar von einander verschieden sind, aber sich nicht aufheben, indem sie den Hauptgegenstand nur vielseitig beleuchten, ihm nicht widersprechen, sondern zu seiner weitern Entwicklung dienen. Da- \ her läßt eS sich erklären, daß ein Talmudlehrer! die. der Andere jene Seite des Schriftwortes beachtete , daß fick diese verschiedenen Meinungen nur ergänzten und also wirklich in der Absicht des Gotteswortes enthalten waren, fo daß der Widerspruch kein wirklicher war. Konnte dies aber eine willkürliche Deutelei genannt werden? War nicht der gefürchtete Widerspruch gegen daS Schrifiwort die wohlthätige Schranke, die davor schützte? Wie sonst ließe sich unsere so reiche Hagada erklären, die uns ja andernfalls ein Räthsel wäre? Ließe sich obiger Satz bei Erläuterungen der Hagadasätze nicht entsprechend in woan naa itw Übetragen, wobei die Schranke eine entsprechend gleiche wäre? Herr Cohen und ich, wir treten beide an einen Talmudsatz heran, dessen allgemeine Absicht die Erhaltung des Judenthums fein muß, und wir weisen Beide einstimmig die Erklärungen als falsch zurück, die diesem Zwecke zuwiderlaufen; dessen besondere Absicht ist, einen heilsamen Einfluß des Friedens auf den Menschen zu bezwecken, zu der wir nicht in Widerspruch treten dürfen. Herr Cohen findet darin die Lehre: „Wahrer Friede zu edel» Zwecken selbst unter Götzendienern schützt vor Vernichtung! „Meine Erklärung lautete: „Gleichgiltigkeit bei großen Lebensfragen ist eine mißverstandene Friedensliebe und führt zur Vernichtung!" Der Wortlaut, besonders mit Bezug auf die folgenden Schriftworte, ist beiden Deutungen günstig. Ist es nun Zufall, daß unsere Meinungen sich gegenseit'g so wenig aufheben, der Hauptabsicht des Tanaiten so wenig widersprechen, als sie vielmehr nur die verschiedenen Seiten seines Satzes beleuchten und sich gegenseitig ergänzen? Der Friede soll nicht zur Gleichgiltigkeit, ' die edle Kampfbegier für's Judenthum nicht zur Vernichtung des eigentlichen Friedens führen. Ist damit der Talmudsatz nicht der Einseitigkeit entkleidet und ist bei den tiefgedachten Worten unserer Weisen die Möglichkeit einer vielseitigen und doch sich stets getreu bleibenden Erläuterung so undenkbar? Mag Herr Cohen mir widersprechen, wenn ich behaupte, daß uns ein Zweck, die Anhänglichkeit an dieselbe Sache, der Kampf gegen dasselbe Nebel und das Streben nach der Wahrheit des Talmudwortes zunächst durch Widerspruch in geistigen Zusammenhang gebracht hat; wenn ich glaube, verschiedene Seiten derselben Wahrheit wären in dieser gemeinsamen Wirksamkeit entdeckt worden. Warum soll nur eine Erklärung die richtige sein, wenn sie für sich einseitig ist und der Ergänzung bedarf, um vor Uebertreibung zu wahren? Warum