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Der Israelit · 1878-07-10 · Heft 28 (10.7.1878) · page 19

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 28 (10.7.1878)
Date
1878-07-10
Page
– (sequence 19)
Language
German
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Theil zerstört. Sofort hieß es, dies habe ein Jude aus Haß gegen die katholische Bevölkerung gethan. Ohne weiteres Besinnen stürzte sich aus der Masse der Prozession ein Theil der Katholiken auf die zufällig in der Nähe befindlichen Paar Israeliten und schlug diese zu Boden. Der Bann war gebrochen, der Anfang zur Judenhetze gemacht: Ein „gefundenes Fressen" für die fanatische nach Tausenden zählende Volksmasse. In nur wenigen Minute halte sich die Prozession aufgelöst, ein großer Theil strömte wie auf Commando instinktmäßig nach dem Judentewpel und in die Bethäuser, zerbrach alles in ihnen Wertbvolle, demolirte Altäre und Kanzel, riß das Allerheiligste und die BundeSlade auf, worin die Gesetzrollen befindlich und zerstörte letztere derart, daß auch nicht ein Atom übrig blieb. Während dieser Vandalismus in den Tempeln und Bethäusern verübt wurde, geschah daS Unerhörteste auf den Straßen. Mit Waffen aller Art, Sensen und Dreschflegeln, die sich die Fanatiker in aller Eile beschaffen konnten, bewaffnet, drangen diese auf alle ihnen begegnenden unschuldigen Israeliten ein und machten ihnen unbarmherzig den GarauS. Zwölf Juden wurden in Folge dessen das Opfer dieses FanatisÄius. Nun rettete sich Alles was konnte in die Häuser, verschloß, verrammelte und verbarrikadirte diese von allen Seiten. Wer nicht Zeit gewinnen konnte, die Geschäftsläden zu sichern, dem wurde ein nicht geringer Theil des Inhalts geplündert. Selbst die evangelischen Christen sind vor einem Ueberfall nicht sicher. Man sieht Viele auf preußisches Gebiet flüchten, um dem sicheren Tode zu entgehen. Unter den Flüchtenden sind namentlich die vielen aus dem nahe gelegenen Oftrowo sich geschäftlich hier aufhaltenden jüdischen Handelsleute, die bedeutende Summe aufbieten, um mittelst eines Wagens schleunigst über die Grenze zu kommen. Man spricht davon, daß heute Abends erst die richtige Judenhatz, „die wilde Jagd", vor sich gehen werde, indem in die Häuser der Juden eingedrungen werden soll. Wahr ist, was ich auch mit eigenen Augen gesehen, daß Sensen eifrig geschliffen werden; es hat mich dieses lebhaft an MiloSlaw und LionS Anno 1848 erinnert. Noch bemerke ich, daß wir zum Unglück zur Zeit gerade ohne jegliches Militär sind; unsere Garnison, ein Regiment schwarzer Husaren, ist vor circa vierzehn Tagen auSgerückt. Dagegen schreibt die „Pos. Z.": Die bisherigen Nachrichten über den Exceß in Kalifch erschienen von vornherein sehr übertrieben und tendenziös avfgebanscht. Wir sind jetzt in der Lage, unfern Lesern einen durchaus glaubwürdigen Bericht zu unterbreiten. Derselbe stellt den Vorgang wesentlich harmloser dar. ES heißt dort: Schaaren von Gläubigen eilten am Sonntag zur Nikolauskirche, von wo die Procefsion heraustreten sollte, plötzlich verbreitete sich das Gerücht, die Juden werfen mit Steinen auf die Heiligthümer, rotten sich auf dem Markte zusammen und zerstören die Altäre. Dabei wurde das Gerücht verbreitet, die Juden hätten sich dafür rächen wollen, daß das christliche Volk unter Nichtbeachtung eines jüdischen Ceremoniells die Drähte, welche die Juden beinahe um die ganze Stadt ziehen wollten, damit es heiße, die Christen wohnen in den Judenvierteln, zerissen hatte. Sofort stürzte sich die Menge auf die sich zerstreuenden Juden, die Behörden wurden von dem Exceß benachrichtigt, zwei Abtheilungen des städtischen Bataillons versuchtem die Ordnung wieder herzustellen. Die Unordnung vermehrte sich jedoch in den der Nikolauskirche benachbarten Straßen und dem ganzen Judenviertel. Die Nachricht von dem Geschehenen verbreitete sich mit Blitzesschnelle auf den nächsten Dörferrr und ihre Bewohner erschienen mit Heugabeln^ Keulen, ein Steinhagel überschüttete die von Juden bewohnten Häuser, man zertrümmerte die Thür der Synagoge und Alles, was darin war. Währenddem versuchten die Civil- und Militärbehörden die empörte Masse zu beruhigen, angesehene Christen nahmen die erschreckten jüdischen Kinder unter ihren Schutz. Die Procession beendigte trotzdem ihren Umfang, gab aber dadurch wieder daS Signal zu erneuten Exceffen. Die Massen zerstreuten sich in die einzelnen Straßen und zertrümmerten die Fenster in den Straßen. Gegen 3 Uhr fing man an, auseinaderzugehen, und obgleich bis in die späte Nacht hier und da Aufläufe stattfanden, so hatten sie doch keinen drohenden Charakter und die von den Behörden getroffenen Vorsichtsmaßregeln erlaubten den bestürzten Bewohnern» nach diesem stürmischen Tage sich der Ruhe hinzugeben. Außer einigen leichten Verwundungen haben wir glücklicherweise traurigere Vorfälle nicht zu beklagen (nach anderweitigen hierher gelangtem Nachrichten sollen ein Todter und mehrere Schwerverwundete als Opfer des ExceffeS zu verzeichnen, sein.) Der angerichtete Schaden aber ist nicht gering. Wenn auch der Bericht der „Schl. Pr." offenbar noch unter dem Eindruck des ersten Schreckens geschrieben ist, so scheint dieser letztere doch einen guten Theil der Wahrheit zu verschweigen.

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