Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-06-26 · Heft 26 (26.6.1878) · page 2

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 26 (26.6.1878)
Date
1878-06-26
Page
– (sequence 2)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
97% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447773--15060-2470994
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

624 auf den Schlachtfeldern ihr Blut mit demjenigen ihrer Landsleute. Unter einem solchen Regime hat die Anzahl der Juden sich um die Hälfte vermindert; in verschiedenen Städten bedroht mau sie mit Austreibung. Ja Rumänien ist die Lage der Juden noch furchtbarer. Seit zwei Jahren sind sie fortwährend der grausamsten Verfolgung ausgesetzt, und fast jedes Jahr wird Europa durch die Erzählung von Emeuten, Morden, der Räubereien und Austreibung enmasse in Erregung versetzt. Diesen Grausamkeiten steht noch zur Seite die legale Verfolgung an der Hand der Gesetze. Man hat Gesetze gemacht, wonach die Juden ausgeschlossen werden von allen Aemtern, jeder freiwillen Carriöre, allen öffentlichen Functionen, zahlreichen Branchen des Handels und der Gewerbe bis zur freien Ausübung des religiösen Cultus — alles Mittel, um die Juden dem Elend und der Verbannung zuzuführen. Vergeblich haben sich die Gesammtmächte auf den Art. 46 deS Pariser Vertrages berufen, welcher den rumänischen Juden wenigstens die bürgerlichen Rechte zusprach, und gegen diese traurige und barbarische Politik Einspruch erhoben. Man hat dem nicht Rechnung getragen. Rumänien hat kein Mitleid für die Juden, wiewohl es arbeitsame Leute sind. Im letzten Kriege haben die Juden durch ihre Thütigkeii in den Ambulancen, in den Hospitälern, durch ihr Verhalten auf den Schlachtfeldern die öffentliche Anerkennung ihres Souveräins erhalten, und nichtsdestoweniger werden — kaum glaublich — Gesetze wie neuerdings erst ein Decret des JuftizhofeS erlassen, wonach die Juden, welche ihr Blut für ihr Vaterland vergossen, keiner Nationalität angehören und kein Vaterland haben. Wenn so das Verhalten Serbiens und Rumäniens den Juden gegenüber ist, was ist da nicht Alles zu fürchten von den andern, von den Provinzen, welche von der Türkei abhängig sind? Muß man noch einmal an die grausamen Episoden von Eskisagra und Kazanlit erinnern, um die Gefahren zu zeigen, welche den Juden in Bulgarien und einem Theile Rumeliens drohen? Tausende von ihnen irren noch umher ohne Schutz und Hilfsmittel, weit von ihrem Vaterlanoe entfernt. Im Namen der Israeliten, im Namen der Humanität wenden wir uns ehrfurchtsvoll an Europa zu Gunsten unserer unglücklichen Glaubensgenossen in Bulgarien, Rumelien und Rumänien; wir erwarten von ihm das Ende der Leiden, sein Schutz ist unentbehrlich für jetzt und die Zukunft. Möge Europa seine mächtige Stimme ertönen lassen, es proklamire die Gleichheit der Menschen, das unabhängige religiöse GlaubenSbekenntniß. Das ist das Werk, welches die Welt vom 1878er Congreß erwartet. Solches verlangt die europäische Politik, die Stimme« aufgeklärter Männer aller Nationen, dann wird das Andenken an diesen Congreß ein unauslöschliches bleiben für alle künftigen Geschlechter. Literarischer Bericht. Deutsches Lesebuch für die Volksschule. Nach dem Lesebuche des Hessischen Lehrervereins für isr. Schulen bearbeitet von vr. Stein, Seminarlehrer. Cassel 1878. In den hessischen Lehrerkreisen hat man dem Erscheinen dieses Lesebuches mit einiger Spannung entgegen gesehen, da ein für israel. Schulen bearbeitetes Lesebuch in der That ein längst empfundenes Bedürsniß ist, besonders für die Provinz Hessen, in welcher ein großer Theil der isr. Schulen aus Elementarschulen besteht. Das soeben erschienene Buch entspricht jedoch nicht den Erwartungen, welche man an dasselbe geknüpft hat, und zwar aus verschiedenen Rücksichten. Wir lassen die Bedenken rein pädagogischer Natur hier bei Seite, zumal sie in der Vorrede zum Theil gewürdigt sind. Wir möchten nur die Mängel hervorzuheben uns gestatten, welche diesem Lesebuch für israelitische Schulen in specifisch jüdischer Hinsicht anhaften. Man kann dabei nicht so sehr von Mängeln, als von einem Mangel alles Dessen sprechen, was eia Lesebuch zu einem für israel. Schulen bestimmtes macht. Der Inhalt des Buches würde sich ebenso gut in allen seinen Details für eine mohamedanifche als christliche Schule eignen, worin aber das Moment zu suchen ist, welches dieses Buch zu einem für israelitische Schulen bearbeitetes macht, ist aus dem Inhalt desselben nicht ersichtlich. Das Lesebuch des Hessischen Lehrervereins, welches dieser Bearbeitung zu Grunde liegt, ist uns im Augenblicke nicht zur Hand. Möglich, daß außer den im Vorwort angedeuteten Veränderungen in der Gruppirung des Stoffes, auch noch etwaige specifisch christliche Lesestücke weggelassen sind. Aber das macht doch ein Lesebuch noch nicht zu einem für israelitische Schulen Bearbeiteten. Für israel. Schulen verlangt man in erster Reihe israelitischen oder kurzweg jüdischen Inhalt; wenn auch nicht ausschließlich, ja vielleicht nicht einmal größtentheils. Aber vertreten, erwähnt müßte wenigstens die Literatur des Volkes sein, dessen Kinder daraus die Grundlage für ihre zukünftige Lebensanschauung legen sollen.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.