Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 24 (12.6.1878)
- Date
- 1878-06-12
- Page
- – (sequence 14)
- Language
- German
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590 grenzenlos unwissend. Ich werde gleich morgen meinen ganzen Haushalt rennoviren, werde neues Geschirr auschaffen und Alles, was dazu gehört. Aber dann müssen Sie mit -den Kindern und mit Susanne zu uns ziehen und Susanne soll die Wirthschaft führen, und ich will es bei ihr lernen." Sie hielt inne und blickte erwartungsvoll auf de» Onkel. „Und Eduard?" fragte dieser endlich. ES war daS erste Mal, daß sie den Namen ihres Mannes von ihm vernahm. „Können Sie zweifeln, daß Eduard sich glücklich schätzen wird, wenn Sie meine Bitte gewähren." Grün zuckte die Achseln. „Eduard weiß, unter welcher Bedingung allein es mir möglich wäre, Deinen Wunsch zu erfüllen. So gern ich es möchte, ich kann und darf es nicht, wenn nicht auch Eduard ein religiöses Leben führt und vor Allem den Sabbat hält." „Das habe ich mir gedacht, aber bisher war «8 Eduard nicht möglich, denn Sie wissen, die Fabrik kann am Sabbat nicht ruhen. Doch dieser Tage ist ihm von einer Gesellschaft der Antrag geworden, ihr die Fabrik käuflich zu überlassen. Wenn Sie einwilligen Onkel, wenn Sie Ihre Verzeihung gewähren, nimmt Eduard den Antrag an." Wie hätte der alte Mann zögern können? « Der Winter ist vorüber und Frühling ist's geworden. Im herrlichsten Schmuck der Farben prangen Wiesen und Felder, Mailuft und Maidrrft füllet Flur und Wald, Frühling ist es Inder ganzen Natur. — Auch in jenen blüthenbekränzten Räumen, die ersehnter Gäste za harren scheinen, ist es Frühling und auch in allen den frohen ungeduldig harrenden Menschen, die bald aus diesem bald aus jenem Fenster weit hinaus sich neigen, ob denn die so heiß Ersehnten sich noch immer nicht zeigen? Und auch in dem Herzen jenes ehrwürdigen Greises ist es Frühling, wenn auch die spärlichen Löckchen, die den Scheitel kaum mehr decken, den Schneeflocken gleichen. Der alte Grün erwartet feine Kinder, die nach mehr als zweijähriger Abwesenheit heimkehren aus dem Süden. Nur schwer hatte er sich bewegen lassen, sie nicht am Bahnhofe zu empfangen; aber Rosa hatte in ihrem jüngsten Brief ausdrücklich darum gebeten, daß der Vater sie im Hause erwarten möge, und Eduard und Bertha halten diese Bitte so warm befürwortet, daß er endlich darauf einge- L«ngen. Bertha hatte sehnlichst gewünscht, ihren Geschwistern, die sie noch nie als solche begrüßt, entgegen zu gehen; doch die Aufregung des alten Mannes hatte sich In den letzten Stunden so gesteigert, daß sie sich nicht entschließen konnte, ihn allein zu lassen, und so war sie dann mit den Kindern bei ihm geblieben, während Eduard den Erwarteten einige Stationen entgegengefahren war. Kaum weniger erregt, als ihr alter Vater daheim, faß Rosa im Waggon an der Seite ihres Gatten und schaute hinaus auf die heimathlichen Fluren, die in bunten wechselnden Bildern an ihr vorüber flogen. Geisterhaft bleich, mit festgeschlossenen Lippen und weit geöffneten Augen saß sie da, die Hand des Gatten krampfhaft umschlossen. Wohl war ihr Herz dankerfüllt, denn mit dem schwachen stets kränkelnden Gatten hatte sie die Hei- Math verlassen und mit dem vollständig Genesenen kehrte sie zurück, und auch den Vater durfte sie hoffen, wohlauf zu treffen. — Aber den Bruder, den sie so unaussprechlich geliebt, an dem sie mit einer Art schwärmerischer Verehrung gehangen — man hatte seinen Verlust ihr nicht verheimlichen können, sie wußte, ihn würde sie nimmer treffen. Aber die meisten der übrigen wechselvollen Schicksale ihrer Familie waren ihr fremd geblieben. Sie wußte nichts von Hugo's Entführung, nichts von den mißlichen Vermögensverhältniffen ihres Vaters, aber auch nichts von seiner Aussöhnung mit ihrem Bruder. Mit dieser beabsichtigte der alte Grün sie zu überraschen. Er wußte, wie innig es sie erfreuen würde und hoffte durch diese unerwartet freudige Erregung sie den Verlust des Heimgegangenen weniger schmerzlich empfinden zu lassen. Die Locomotive pfiff, der Zug hielt an der vorletzten Station. „Noch eine halbe Stunde", sprach Jakob, indem er auf die Uhr sah. „Eduard!" schrie Rosa plötzlich, während ein heftiges Zittern sie überfiel, „großer Gott! — waS —" „Er wird durch Zufall hier fein, weiß vielleicht nicht einmal, daß wir hier sind", sagte Jakob. Doch darin hatte er sich geirrt. Eduard hatte die Schwester bereits xrkannt und eilte grüßend ihr entgegen. Den ersten Moment, als Rosa ihn erblickte, war sie tödtlich erschreckt, sie wähnte, ihren Vater habe ein Unglück getroffen; doch als sie nun in sein freudenstrahlendes Antlitz schaute, da schwand die Besorgniß rasch. Der Schaffner öffnete die Wagenthür, Eduard sprang hinauf und schloß die Schwester in seine Arme.