Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 19 (8.5.1878)
- Date
- 1878-05-08
- Page
- – (sequence 13)
- Language
- German
- Belongs to
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463 * gepreßten Lippen und weit aufgerifsenen Augen in den Kasten starrend. Es war gelungen, unbemerkt hatte er seinen Brief der Post übergeben, nun durfte er auf Rettung hoffen! — „Wollen wir nicht weiter gehen, Hugo?" fragte der Geistliche, erstaunt über das seltsame Benehmen seines Zöglings. Dieser wollte der Aufforderung folgen und wandte sich rasch um. Doch die Aufregung der letzten Stunden war zu viel für ihn gewesen, ein Schwindel überfiel ihn, er taumelte und wäre gefallen, hätte der Geistliche ihn nicht gehulten. Besorgt geleitete der Lehrer ihn in ein nahe gelegenes Kaffeehaus und ließ ihm einige Erfrischungen reichen, und schon nach wenigen Minuten hatte das Kind sich vollständig erholt und scherzte und lachte so kindlich heiter, wie der Lehrer es noch nie von ihm vernommen Und dann besichtigten sie sämmtliche Merkwürdigkeiten der Stadt und mehr und mehr entzückte Hugo seinen Lehrer durch seine kindlichen und doch auch geistvollen Bemerkungen und durch sein reges Interesse für alles Schöne und Großartige. Der Abend nahte, in fröhlichster Stimmung kamen beide heim, und Emma hätte aufjauchzen mögen. als sie in die heiter strahlenden Augen ihres Kindes blickte und sein munteres Geplauder anhörte. Nun wähnte sie sich endlich am Ziel, nun hielt sie ihre Rache für vollständig. Denn so lange der Knabe trübe und trotzig, sich nach dem Großvater und dessen Lehren zu sehnen schien, so lange glaubte sie nur halb gewonnen zu haben, fürchtete beständig, der Knabe würde ihr entweichen und irgend eine Gelegenheit suchen, in seine Heimath zurückzukehren. Doch war er nur heiter und fröhlich, dann war auch Alles gewonnen, dann würde er sich auch bald die neuen leichteren Lehren gefallen lassen und sich nimmer nach den Beschränkungen der Heimath zurücksehnen, dann hatte sie ihr Ziel erreicht, dann war sie sieben und siebenzigfach gerächt, nicht nur an dem Vater ihres Kindes, der ihre Rache nicht mehr empfinden konnte, sondern auch an den Principien, denen dieser gehuldigt und denen allein sie ihr verfehltes Leben zuschrieb. Inzwischen durchstreifte Grün das Land Tyrol nach allen Richtungen hin. Es war das keine Kleinigkeit für einen religiösen Juden, denn im Lande der Glaubenseinheit gibt es keine jüdischen Restaurationen. Zwar sandte die treue Susanne allwöchentlich Fleisch-Conserven u. dgl., doch wie unzureichend für einen Mann in diesem Alter und noch dazu in dieser Jahreszeit. Schnee und Eis bedeckte die Wege und machte sie schwer passirbar und dennoch gönnte er sich keine Rast, setzte unablässig seine Nachforschungen fort. Schon dreimal hatte er mit Sicherheit geglaubt, dem Verlorenen auf der Spur zu sein. Doch wenn er dann Tage und Wochen lang diese Spur verfolgt, dann hatte sich plötzlich als falsch erwiesen. Und dennoch war sein Muth nicht gebrochen, seine alten Kräfte nicht erschöpft, seine eiserne Energie hielt ihn aufrecht. Da erhielt er abermals Nachricht, daß eine Dame, die der Beschreibung nach seiner ehemaligen Schwiegertochter zu gleichen schien, mit einem ungefähr achtjährigen Knaben gesehen worden war. Kein Zweifel, das mußte Hugo mit seiner Mutter sein. — DaS Herz des alten Mannes schlug so rasch, als wäre er ein kräftiger Jüngling. In Nizza sollte die Dame sich aufhalten, und augenblicklich war sein Entschluß gefaßt, sich dorthin zu begeben. Doch in derselben Stunde erhielt er die Nachricht, daß zwei der bedeutendsten Handlungshäuser, mit denen er geschäftlich in Verbindung stand, im Begriff waren, ihre Zahlungen einzustellen. Unverzüglich hätte er heim eilen müssen, seine Interessen zu wahren. — Doch konnte er daran denken, jetzt, wo sich ihn die Aussicht eröffnete, seinen Enkel aufzufinden? — Unmöglich. Er sandte seinem provisorischen Geschäftsführer schriftlich seine Anordnungen, ob sie vollführt wurden? - er konnte sich nicht darum kümmern. Mochte das Geschäft zu Grunde gehen, wenn er nur seinen Enkel rettete. Noch am selben Abend befand er sich auf dem Wege nach Nizza. doch die Dame hatte bereits zwei Tage vor seiner Ankunft die Stadt verlassen; und-es währte lange, bevor er ausfindig machen konnte, wohin sie sich gewendet nnd als er sie dann nach langem Forschen endlich gefunden — da war es eine ihm vollständige Fremde. Zum ersten Mal erfaßte tiefe Muthlosigkeit sein Herz, denn auch aus der Heimath hatte er die bösesten Nachrichten erhalten. Seine geschäftlichen Verhältnisse schienen total zerüttet. er durfte nicht mehr zögern, er mußte seine Nachforschungen unterbrechen und unverzüglich den Heimweg antreten. Er that es mit schwerem Herzen. (Fortsetzung folgt.)