Mannheim
Compact Memory

Der Israelit · 1878-04-03 · Heft 14 (3.4.1878) · page 12

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 14 (3.4.1878)
Date
1878-04-03
Page
– (sequence 12)
Language
German
Belongs to
journal issue
OCR quality
98% known words query
IRI
…/2446951-2447747-2447762--14791-2470714
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

350 „Wenn Du mir nur erlauben würdest, mit Friedrich darüber zu sprechen." „Um keinen Preis." „Oder wenn Du selbst mit ihm darüber sprechen wolltest." „Da» noch weniger. Und nun bitte ich Dich, Caroline, allen Ernstes die Sache als erledigt zu betrachten." Caroline schüttelte da» Haupt. „Du hast mein Wort und weißt, daß ich es nicht breche. Aber eine» mußt Du mir zu Liebe thun. Komm' mit mir nach Haus und ohne Deinen Plan oder Deinen Rachedurst auch nur mit einer Sylbe zu erwähnen, sprich mit Friedrich über Deine Kinder, daß Du Dich nach ihnen sehnst, daß Du für ihre Erziehung sorgen möchtest und dergleichen. Willst Du?" „Nun, wenn Dir in Wirklichkeit eine Gefälligkeit damit geschieht, so will ich Dir darin Deinen Willen thun." Und sie ging heim mit ihrer Schwester, und Caroline wußte zu Hause da» Gespräch bald auf Emmas Sehnsucht nach ihren Kindern und auf ihre Sorge um die Erziehung derselben zu bringen. „Ich möchte Sie nicht verletzen, liebe Emma", sprach ihr Schwager, „doch ich bin überzeugt, sobald Sie nur erst dazu gelangen, die Sache ruhier zu betrachten, so werden Sie gleich jedem Unefangenen zu der Erkenntnis; gelangen, daß Carl Ihnen in keiner Weise feindlich entgegengetreten. Suchen Sie durch einen musterhaften Lebenswandel sich seine Achtung wieder zu erringen und ich bin überzeugt, er wird eS Ihnen in svätcrer Zeit nicht mehr wehren, daß Sie von Zeit zu Zeit Ihre Kinder sehen. Was jedoch Ihre Sorge um die Erziehung Ihrer Kinder betrifft, so finde ich diese vollkommen unbegründet, Earl ist ein Ehrenmann in jeder Beziehung und ein ausgezeichneter Vater." „Aber", wandte Emma ein, „die Grundsätze, in denen meine Kinder erzogen werden, sind in keiner Beziehung die meinen, dieses Muckerthum!" „Ach, waS das betrifft", siel Friedrich lächelnd ein, „so hat das jüdische Muckerthum keine nachts) iligen Folgen auf die Erziehung der Kinder. Warten Sie, um Sie vollständig auch in dieser Hinsicht zu beruhigen, will ich Ihnen einen Brief zeigen, den ich dieser Tage von einem Freund erhalten." Er ging in sein Zimmer und kam gleich darauf mit einem Schreiben zurück, das er ihr übergab. „Bitte, wollen Sie es lesen. Ich muß nur dabet bemerken, daß der Schreiber dieser Zeilen ein in jeder Beziehung freisinniger Mann ist und so wenig als Sie und ich, den Sabbat hält oder sich irgendwelche Beschränkung in seinen Nahrungsmitteln auferlegt." Emma nahm das Blatt und la«: „Werthrr Freund! Hoffentlich treffen diese Zeilen Sie und die werthen Ihrigen beim besten heitersten Wohlsein und freut es mich, Gleiches auch von mir und meiner Familie versichern zu können; auch bei un» ist Gottlob Alles wohl und munter, d. h. letzteres wohl nur relativ. Meine Mutter, obgleich sie da» Bett noch immer nicht verlassen kann, ist stet» heiter und froh, aber bei meiner Frau, obgleich sie frisch und gesund ist, kann doch von Munterkeit nicht die Rede sein. Ja, lieber Freund, wir sind jetzt oft in recht trüber Stimmung, denn die Trennung von unserm ältesten Kinde steht uns nahe bevor. Unser Emil ist jetzt im elften Jahr und hat die hiesigen Bit dungSanstalten bereits durchgcmacht. Der Junge hat Kopf und Lust zum Studiren und ich hoffe, es wird einmal etwas Tüchtigeaus ihm werden. Aber meine beschränkten Mittel erlauben mir nicht, ihm einen eigenen Lehrer zu halten und müssen wir uns daher nolons volons entschließen, ihn in die Fremde zu geben. Am liebsten möchte ich ihn da« protestantische Gymnasium in Ihrem Wohnort besuchen lassen. Ich erlaube mir daher, Sie, lieber Freund, sehr zu ersuchen, Sie wollten sich gefälligst in meinem Interesse nach braven anständigen Leuten erkundigen, denen ich mit voller Beruhigung mein Kind anvertrauen könnte. Bon Ihrer Freundschaft überzeugt, weiß ich, daß Sie meine Bitte entschuldigen, und wenn e» Ihnen möglich ist, sie auch erfüllen werden Aber ich hätte noch eines Umstandes hiebei zu erwähnen, auf den ich, so seltsam es Ihnen erscheinen mag, nicht unbedeutendes Gewicht lege. Ich möchte Sie nämlich sehr bitten, bei Ihren eventuellen Erkundigungen auch darauf sehen zu wollen, daß die Betreffenden einen s. g. koscheren Haushalt führen. Ich sehe Sie lächeln und nach dem Grund dieses seltsamen Verlangens fragen — ja, lieber Freund, ganz klar bin ich mir in dieser Beziehung selbst nicht. Mein Haushalt gleicht dem Ihrigen, meine Anschauungen werden im Allgemeinen wohl nicht sehr weit von den Ihrigen abweichen, aber wenn es sich um ein Kind handelt — da regt sich so'n etwas unter der Weste — eS gibt eben Dinge, über die sich nicht philosophiren läßt. Also nicht wahr, lieber Freund, Sie erfüllen meine Bitte und empfehlen mir ein anständiges, braves und frommes Haus, in dem ich meinen Emil unterbringen kann.

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.