Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 11 (13.3.1878)
- Date
- 1878-03-13
- Page
- – (sequence 12)
- Language
- German
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«k 266 athmete hastig und bemühte sich, ein Lächeln und eine möglichst unbefangen- Miene zu erzwingen; es wollte ihr nicht gelingen. „Emma," Hub er an, „ich habe nicht die Absicht, Dir Borwürfe zu machen, denn Vorwürfe würden zwischen uns zu gar nichts führen." „Das ist wahr," erwiederte sie mit verächtlichem Lächeln, die Locken zurückwerfend, „übrigens gestehe ich Dir auch gar nicht das Recht zu, mir irgend einen Vorwurf zu machen." „Das wollen wir vorläufig bei Seite lassen. Du hast mir so eben erklärt, daß Du es nicht dulden würdest, daß ich Mittags bei meiner Schwester speise." „Nein!" fuhr sie auf, „das darfst Du mir nicht bieten!" „Das darf ich Dir nicht bieten?" er schaute sie verächtlich an, „glaubst Du wirklich, ich müßte darnach fragen, ob es Dir zusagt, daß ich bei meiner Schwester speise oder nicht." Es lag ein solcher Hohn in den Blicken, mit denen er sie anschaute, daß sie mehr und mehr außer sich gerieth. „Carl!" schrie sie, „treib's nicht auf's Aeußerste, oder —" „Oder? — Nun was denn oder? —" „Oder ich werde Dir das Leben zur Hölle machen," fügte sie zischend hinzu. „Das hast Du bereits gethan," sagte er mit schmerzlichem Seufzer. „Aber ich glaube," fuhr er nach kurzer Pause fort, „das Leben an meiner Seite dürfte auch Dir fortan nicht mehr behagen, denn wie ich seit gestern gelebt habe, so würde ich von nun an immer leben, Mittags bei meiner Schwester speisen, das Frühstück auf mein Zimmer bringen lassen." „Und das Geschwätz der Dienstboten, das Gerede der Leute würde Dich nicht kümmern?" „Dem läßt sich nicht Vorbeugen," erwiederte er achselzuckend. „Aber ich sehe ein, daß ein solches Leben Dir unerträglich werden müsse, und darum mache ich Dir den Vorschlag, ich setze Dir ein reiches Jahrgeld aus und Du kehrst zu Deinen Eltern zurück. Aber die Kinder bleiben bei mir," fügte er rasch hinzu. „Elender Mensch!" schrie sie und stampfte mit dem Fuße, „das wagst Du» mir zu bieten! mir! die seit sechs Jahren Dir so unzählige Opfer gebracht!" „Sprich nicht von Opfern," entgegnete er kalt, „seit sechs Jahren hast Du mich betrogen Tag für Tag, hast, von Anfang an geheuchelt, um mich in Deine Schlingen zu ziehen, weil Du Dich — weiß der Himmel, ohne mein Zuthun — in mich vergafft hattest." „Carl!" „Das ist doch der richtige Ausdruck. — Doch nun zur Sache. Willst Du auf meinen Vorschlag eingehen?" Nein! nein! nein! und hundert und tausendmal nein!" „Ueberleae Dir meinen Vorschlag," sagte er, indem er aufstand, „es ist das einzig Richtige, was wir thun könnten, und Du kannst Deine Forderungen stellen, Du wirst mich nicht knauserig finden. — Aber ein Leben, wie wir es fortan nebeneinander führen müssen, ist kein Leben." „Aber ich will nicht!" schrie sie „und Du sollst —" Doch er hörte sie nicht mehr, er hatte das Zimmer bereits verlassen und sie hörte ihn die Stiegen hinauf ins Kinderzimmer gehen, wie er es täglich, bevor er ins Comptoir ging, zu thun pflegte. Sie weinte und wüthete und zerzauste ihr schönes langes Haar. — Daß es dahin — dahin kommen werde, das hatte sie nicht gedacht. — Wohl war sie auf eine Scenmit ihm gefaßt gewesen, denn sie hatte ja geradezu ihm zum Hohn heute zum ersten Mal nach ihrer Verheiratung ihr Haar unverhülli gelassen, um ihn zu strafen für sein rohes Benehmen, wie sie es nannte. Doch obgleich sie wußte, wie er darüber dachte, so hatte er doch kein Wort darüber verloren. Was kümmerte es ihn, wie sie fortan sich trug? Er wollte sich ja von ihr trennen, wollte sie heim schicken zu ihren Eltern! — Aber sie wollte sich nicht schicken lassen! — Nein! nein! und tausendmal Nein! Und abermals stampfte sie wüthend mit dem Fuße und zerriß ihr Battisttuch in Stücke. Ja, er sollte es büßen, daß er es gewagt hatte, so zu ihr zu sprechen! bitter sollte er es noch bereuen — sie wollte — ja, was wollte sie nicht Alles — Rache nehmen wollte sie, furchtbare Rache! — o, er würde es schon bereuen! — Wie schade, daß Caroline gerade heute eine längere Vergnügungsreise angetreten hatte und auch ihre Eltern waren verreist, so hatte sie im Augenblick Niemanden. mit dem sie sich berathen konnte. — Doch gleichviel, sie würde schon allein Mittel finden, sich zu rächen. — Alle ihre Liebe für ihren Gatten hatte sich in Haß verwandelt, Rache war ihr einziger Gedanke — und trotzdem wollte sie nichts von Scheidung wissen. (Fortsetzung folgt.)