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Der Israelit · 1878-01-30 · Heft 5 (30.1.1878) · page 11

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Journal
Der Israelit
Volume
19 (1878)
Issue
Heft 5 (30.1.1878)
Date
1878-01-30
Page
– (sequence 11)
Language
German
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109 „Eduard wohnt in einer ziemlich entfernten Vorstadt." „Ach, das ist einerlei, in einer halben Stunde ist man dort." „Freilich, aber es ist ja auch nicht die räumliche Entfernung, die uns auseinander hält, es die Verschiedenheit unserer religiösen Anschauungen." „Aber bester Carl, nimm es mir nicht übel, ist eine solche Entfremdung unter Brüdern eigentlich ganz recht?" „Unrecht ist sie meinerseits nicht," erwiederte er leicht erröthend, „ich habe nie Einfluß auf meinen Bruder gehabt und wäre es mir nimmrr gelungen, ihn auf den rechten Weg zu bringen."! „Und wenn auch nicht, sieh nur Caroline > und ich." —! „Ich störe ja euren Verkehr nicht," fiel! er ein. Sie blickte ihn überrascht an — also das hätte er können? — und sie sollte ihm am Ende gar dankbar sein, daß er es nicht that. — Ihr selber unbewußt lag ein höhmischer Zug auf ihrem Antlitz. „Warum schaust Du mich so seltsam an?" fragte er, sich zu ihr setzend, „sieh, das Berhältniß zwischen Dir und Deiner Schwester ist ein ganz anderes als zwischen mir und meinem Bruder. Deine Schwester, ich will durchaus nicht behaupten, daß sie weniger Unrecht thut als mein Bruder, aber auch da ist noch ein Unterschied, denn während Caroline ihre Religion vermuthlich nie recht gekannt hat, kennt Eduard sie vollkommen, hat sie gemeinschaftlich mit mir an den Quellen studirt. Was aber vor Allem meinen Verkehr mit Eduard erschwert, ist der Umstand, daß, während Caroline ganz im Einverständniß mit Deinen Eltern so lebt, wie sie lebt, Eduard aber gegen den Willen meines Vaters und gegen sein ausdrückliches Verbot in das Geschäft meines Onkels getreten ist, wodurch er sofort die Beobachtung sämmtlicher jüdischer Vorschriften außer Acht lassen mußte. Mein Vater hat ihm natürlich das Haus verboten, und hat Eduard sich sogar verlobt ohne die Einwilligung meines Vaters sich zu erbitten. Ich selbst bin seitdem einigemal durch Zufall mit ihm zusammengetroffen, und haben wir uns dann auch ganz freundschaftlich mit einander unterhalten. Aber ihn besuchen und ihn veranlassen, auch mich zu besuchen und dadurch vielleicht einmal Veranlassung geben, daß mein Vater ihn in meinem Hause träfe, das darf ich nicht." Emma schüttelte das schöneHaupt: „Das sehe ich nicht ein," sagte sie. „Wenn Du wüßtest, wie schmerzlich es mein Vater empfindet, das sein Sohn sich von ihm loSgesagt!" — .Ich glaubte, Dein Vater habe sich von ihm losgesagt. Du sagtest doch, Dein Vater habe ihm das Haus verboten und fandest dies in meinen Augen höchst unväterliche Verbot sogar natürlich." „Nun ja freilich, aber doch erst nachdem Eduard sich von der Beobachtung aller religiöser Vorschriften losgesagt hatte." „Ach, was hat denn eigentlich die Beobachtung religiöser Vorschriften mit der Liebe zwischen Ellern und Kindern, zwischen Geschwistern, zwischen —" „Emma! sind Dir diese Fragen ernst?" „Ganz gewiß. Ich begreife in der That nicht, was Liebe und Religion mit einander zu schaffen haben." „Nein, ich glaube nicht, daß Du jetzt im Ernst sprichst. Du willst nur scherzen." „Da bist Du im Jrrthum. Und sage mir nur, Carl, würdest Du z. B. mich weniger lieb haben, wenn ich mich einmal über irgend eine religiöse Vorschrift hinwegsetzen würde?" „Emma! wie kannst Du so reden!" „Nun, so sprich doch; würdest Du mich weniger lieben?" Mit ihrem süßesten Lächeln schaute sie zu ihm auf. Er blickte zu ihr hernieder, aber er vermochte ihr Lächeln nicht zu erwiedern; es war ihm als habe eine kalte TodeShand fein heißes, pochendes Herz erfaßt und es zum plötzlichen Stillstand gebracht — tiefer, düsterer Ernst lag auf seinen Zügen. „Nun, warum antwortest Du nicht?" fuhr sie mit demselben bestrickenden Lächeln, aber doch mit etwas gepreßter Stimme fort, „so sprich doch." „Ich würde Dich hassen —" stieß er endlich hervor und wandte sich hastig ab. Emma brach in lautes Lachen aus. „Pfui Carl, wie kannst Du so häßlich reden und wie kannst Du nur um eines einfachen Scherzes willen so furchtbar ernst dreinschauen?" „Du mußt nie wieder so scherzen Emma, nie wieder, das ertrage ich nicht." „Und warum nicht, mein Herr Gemahl? warum wollen Sie sich meine Scherze verbitten?" und wiederum blickte sie lächelnd zu ihm auf. „Emma, und wenn ich Dich nun fragen wollte, was Du thun würdest, wenn ich mir eine Kugel durchs Hirn jagen würde?" „Carl!" schrie sie erbleichend und schlug voll Entsetzen die Hände vor'S Gesicht. Gleich darauf brach sie in ein heftiges Schluchzen aus. (Fortsetzung folgt.)

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