Der Israelit
- Journal
- Der Israelit
- Volume
- 19 (1878)
- Issue
- Heft 3 (16.1.1878)
- Date
- 1878-01-16
- Page
- – (sequence 17)
- Language
- German
- Belongs to
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XiX. Jahrgang. Zweite Beilage i„ tlr. 3 des Israelit. Leitender Artikel. Literarischer Jericht. Mohammed nach Talmud und Midrasch. Kritischhistorisch bearbeitet von vr. Isaak Gastfceund. H. Abtheilung. (32 Seiten.) Wien 1877. Wenn man um Beweise für den Niedergang des Reformjudenthums verlegen zu sein brauchte, so wäre das obengenannte Schriflchen. wie kaum etwas anderes geeignet, diese Verlegenheit zu beseitigen. Bedenkt man nämlich, daß von den sämmtlichen himmelstürmenden Planen, welche das Programm des Reformjudenthums ausmachen, nur ein einziger verwirklicht wurde, die Gründung der Berliner „Hochschule für die Wissenschaft des Judenthums," so geht man wohl nicht fehl, wenn man in dieser Institution, die Summe aller Lebenskraft der Reform sucht. Will man das Reformjuden- Ih-'M an seinen positiven Leistungen messen, so hat man in der Hochschule die Summe der Früchte, an denen man es erkennen kann. Ist ja an und für sich eine Hochschule, welche einer altersschwachen Institution neue Kräfte heranbilden soll, der sicherste Anhaltspunkt, um -iese Institution ein Prognosticon zu stellen. Von diesem Gesichtspuncte, kann man einer Schrift einigen Werth abgewinnen, die wie die vorliegende einen Jünger der Hochschule zum Verfasser hat, und dem Präsidenten der Hochschule Herrn Prof. Dr. Lazarus gewidmet ist. Selten ist uns nun eine Schrift zu Gesicht gekommen, die mit ihrer vollendeten Konfusion und mit dem verdorbenften Deutsch die bekannte Geduld des Druckpapieres so glänzend auf's Neue bewiesen hat, als — „Mohammed nach Midrasch und Talmud." Der Titel allein sagt schon Alles. Was würden wir wohl zw einer Schrift sagen, die etwa den Titel führte: „Bismarck nach Lessing?!" Der letzte der beiden Talmude ist ums Jahr 500 der gewöhnlichen Zeitrechnung, der Midrasch thetlweise etwas später zusammengestellt, Mohammed aber erst nach 600 aufgetreten! Wenn Talmud und Midrasch, nicht etwa prophetische Bücher sind, so wäre es wunderbar wie sie auch nur eine Silbe vom Stifter des Islam enthalten sollen. In den bunt zusammengewürfelten Citaten aus Talmud und Midrasch dieser Schrift findet sich demzufolge auch nicht eine einzige Stelle, die von Mohammed spricht, oder in diesem Sinne etwa gedeutet wurde. Das Büchelchen selbst, enthält nichts als einen neuen, mißlungenen Versuch über das alte Thema: „Was hat Mohammed dem Judenthum entnommen?" — Es war dies, wenn wir nicht irren, die Erstlingsarbeit eines der ersten Reformapostel, dessen Fußtapfen nun breiter getreten werden sollen. Aber welch' ein Unterschied zwischen einem Geiger und Gastfreund. Der erste wußte doch wenigstens, was er wollte, und konnte Deutsch schreiben; aber der Nachahmer! — Wie dieser Koranstellen und Aussprüche des Talmud zusammenbringt, das ist geradezu Possirlich. „Vielleicht ist Mohammeds Befehl, daß der Gebetausrufer seine Ohren mit den Zeigefingern verstopfe, auf den talmudischen Ausspruch zurückzuführen, daß man sein Ohr mit dem Zeigefinger verstopfe, auf daß man nichts Unanständiges höre!" — Die geistreiche Combination beruht offenbar auf einer m» mn. Zeigefinger, Zeigefinger. Als Beweis dafür, daß Gebote der heiligen Schrift in den islamitischen Traditionen erwähnt werden, heißt es: „Er (M.) befahl, gefangene Vögel wieder frei zu lassen, weil die Mutter bei der Gefangennahme zugegen war." Verwiesen wird auf Deutronomium 22. — Dort steht aber bekanntlich gerade das Gegentheil In diesem Tenor geht es fort; diese Beispiele mög-n jedoch genügen. Als Belege für den gespannten Kriegsfuß, auf welchem der Verf. mit der deutschen Grammatik steht, möge noch Folgendes dienen: „Die arabischen Juden hielten an die Satzungen des Talmud fest." (S. 16.) Der bekannte Ausspruch Berachoth 32a wird folgendermaßen übersetzt: „Wer auf Erden etwas genieße, ohne dabei den Namen Gs. auszusprechen, der raube gleichsam die Gottheit." Als Stylprobe mag die Thatsache gelten, „daß Mohammed aus dem Köcher seiner Gehässigkeit Offenbarungen herauszog." (S. 2!) und noch folgende graciöse Satzbildung: „Ja, mußten sie demnach zuweilen in den Reihen ihrer Alliirten selbst gegen einander kämpfen, sodann vereinigten sie sich, wenn ein Kriegs-